In diesem Mehrfamilienhaus im sächsischen Clausnitz sollen die Flüchtlinge wohnen. ©Hendrik Schmidt/dpa

Seit dem frühen Morgen hockt Luai Khatum am Fenster seines neuen Zuhauses im sächsischen Clausnitz. Er beobachtet jede Bewegung draußen auf dem Hof. Zuerst lugt er durch die Schlitze der fast geschlossenen Jalousien und sondiert die Lage. Dann zeigt er ein vorsichtiges Lächeln, das irgendwann zum Grinsen wird. Schließlich winkt Luai und öffnet die Haustür. Aufgeregt zeigt er auf sein Handy: "Schau, ich bin auf Facebook."

Für den 15-jährigen Libanesen ist das eine seltsame Sensation: Plötzlich ist überall sein Gesicht zu sehen. Aber in was für einer Situation. Zwei Videos, die sich inzwischen in ganz Deutschland verteilt haben, zeigen Luais Ankunft in Clausnitz. Einen Bus, in dem er mit seinem Bruder und dem Vater sitzt, zusammen mit zwei Dutzend anderen Flüchtlingen. Panische Gesichter. Niemand will aussteigen, denn sie sind umzingelt von Ablehnung und Aggression. Anwohner haben die Straße mit ihren Autos blockiert, um den Bus zu stoppen.

Etwa 100 Menschen haben sich vor dem Block aufgebaut und empfangen die Flüchtlinge mit Gebrüll: "Verschwindet von hier! Ab nach Hause! Widerstand, Widerstand!" 28 Polizeibeamte sind da, darunter sechs Bundespolizisten. Sie schaffen die Ankömmlinge ins Heim, es ist ein Spießrutenlauf durch ein Spalier von erhobenen Fäusten, begleitet von Gegröle. Schließlich steht einer der Beamten vor Luai Khatum. Er packt den Jungen und zerrt ihn aus dem Bus.

Sachsen - Sachsens Innenminister nennt grölende Demonstranten “zutiefst beschämend” Rund 100 Demonstranten haben am Donnerstagabend in Clausnitz versucht, die Ankunft von Flüchtlingen in einer Unterkunft zu verhindern. Das Video auf einer fremdenfeindlichen Facebook-Seite ist inzwischen nicht mehr abrufbar.

Luai ist ein aufgewecktes Kind. Eigentlich hat er vor Fremden keine Angst, auf seiner Flucht hat er schon viele getroffen, die meisten waren freundlich zu ihm. Aufgekratzt führt er durch die Wohnung, in der er mit seiner Familie seit zwei Tagen lebt – geräumige Zimmer, die mit dem Allernötigsten eingerichtet sind. Er ist das eigentliche Familienoberhaupt. Sein Bruder ist jünger und der Vater schwer krank, außerdem spricht Luai schon ein paar Brocken Deutsch.

Sein neuestes Wort ist: Polizei. Polizei, das sind für ihn nun die Männer, die ihn schlecht behandelt haben. Mit Händen und Füßen erzählt er jenen Abend nach: Wie der Bus vor dem Häuserblock angekommen sei, er die Menge davor sah – auch einen Mann, der ihn angeschaut und eine Geste gemacht habe. Finger quer über den Hals – den Hals abschneiden.

Auf keinen Fall wollte Luai zu diesen Menschen hinaus: "Wir hatten Angst. Eine Frau im Bus hat geweint." Aber alles ging viel zu schnell. Plötzlich standen Polizisten vor ihm, erzählt er, einer packte ihn. Luai macht ihn nach – den Würgegriff, die Hände, die sich grob in sein Gesicht gedrückt haben. "Aua", sagt er. Mehr Deutsch fällt ihm dazu nicht ein.  

Stinkefinger gezeigt

Das haben andere für ihn übernommen: Die Videosequenz, die zeigt, wie der Beamte das verängstige Kind aus dem Bus zerrt, unter dem Beifallsgejohle der Umstehenden, hat heftige Empörung ausgelöst. Die im Halbdunkel dokumentierte Gewaltszene liefert jede Menge Stoff für lange und heftige Debatten.

Auch für die Polizei, die ihren Einsatz am Nachmittag bei einer eilig anberaumten Pressekonferenz in der zuständigen Polizeidirektion Chemnitz verteidigt. Die Anwendung körperlicher Gewalt gegen Insassen nach der Ankunft des Busses an dem Flüchtlingsquartier sei gerechtfertigt gewesen, sagte Polizeipräsident Uwe Reißmann. Man habe "einfachen unmittelbaren Zwang" gegen drei der Businsassen anwenden müssen, da diese die umstehende Menge provoziert und so die Lage zusätzlich verschärft hätten. So sei unter anderem der Stinkefinger gezeigt worden.