So wie der Polizeipräsident den Einsatz schildert, hat die Polizei alles richtig gemacht. Reißmann hält das Vorgehen gegen den Flüchtlingsjungen für legitim. Insassen des Busses hätten sich geweigert, auszusteigen, darunter der Junge, ein Jugendlicher und eine Frau, schildert er. Auch die Entscheidung, den 50 Meter vor der Unterkunft wartenden Bus zum Eingang zu lotsen – alles richtig. Das habe dem Schutz der Flüchtlinge gedient. Die Beamten hätten den Protestierern zwar Platzverweise erteilt, sagt Reißmann. Die hätten das aber mit Gelächter quittiert. Gegen das Kind und den Jugendlichen liege wegen der Stinkefingergeste nun eine Anzeige vor. 

Zwei Tage nach diesen dramatischen Abend ist es in Clausnitz still, wie immer in diesem abgeschiedenen Winkel des Erzgebirges. Ein Schneesturm fegt über die Felder, es gibt hier viele Landschaftsschutzgebiete, aber nur wenige Menschen. Das Gebirgsdorf gehört zur Gemeinde Rechenberg-Bienenmühe, insgesamt 2.000 Einwohner verteilen sich auf 52 Quadratkilometer. Auf den Straßen ist kaum jemand zu sehen, nur vor der neuen Flüchtlingsunterkunft treffen sich ein paar Leute zum Plausch. Drei Wohnblöcke sind es, fast die letzten vor dem Ortsausgangsschild. Die Untergeschosse standen zuletzt leer, hier sind die Flüchtlinge eingezogen. Oben wohnen die Alteingesessenen. An eine gute Nachbarschaft glauben allerdings nur wenige.

Alteingesessene Anwohner ziehen weg

Susann und Daniel Korb packen gerade ihre Sachen. Das Paar zieht aus. Wegen der Flüchtlinge, die nun ebenfalls im Block wohnen. Beschlossen haben die beiden Mittzwanziger das, als Anfang Dezember bei einer Bürgerversammlung verkündet wurde, dass Asylbewerber ihre neuen Nachbarn werden. "Die anderen beiden Mietparteien in unserem Haus, also die deutschen, haben auch schon gekündigt", sagt Daniel Korb. "Wir wollen uns in unserem Zuhause wohlfühlen, aber das ist ja nicht mehr gewährleistet. Wir wollen nicht in einem sozialen Brennpunkt wohnen, wo vielleicht ständig Demos sind. Von Linken, Rechten und dann brennen vielleicht noch Autos." Außerdem fühlen sie sich nun als Minderheit im Haus. Deshalb verlegen die Korbs ihren Wohnsitz ins Clausnitzer Unterdorf. Die Flüchtlinge, die nebenan eingezogen sind, werden und wollen sie gar nicht erst kennenlernen.

Lothar Wunderlich wohnt seit 1969 im Haus nebenan. Der 72-Jährige ist ein Urgestein des Ortes, er kümmert sich um die hiesigen Wanderwege und das Heimatmuseum. Das hat er gerade besichtigt – in der Nacht haben Unbekannte es besprüht. "Clausnitz aufs Maul" steht auf der Fassade. Wunderlich ist sauer wegen der Schmiererei. Die Aufregung um sein Dorf kann er nicht verstehen, schließlich habe er die Ankunft selbst verfolgt und einen ganz anderen Eindruck von den Geschehnissen bekommen. "Unter den Protestlern waren viele Leute, die ich kannte – ein Querschnitt durch Clausnitz. Vom Jugendlichen bis zum Rentner. Ein paar Familien haben sogar ihre Kinder mitgebracht." Insgesamt sei der Abend friedlich verlaufen. "Das war eine ganz ruhige Protestmaßnahme, wo es auch keine Konfrontationen gab. Bis auf ein paar Großmäuler vielleicht."

In den Wohnungen der Flüchtlinge sieht man die Dinge anders. Ein junges Paar aus dem Iran öffnet nur schüchtern die Tür. Sie haben ein Baby, gerade anderthalb Monate alt, und fürchten sich, dass sie in Clausnitz nicht sicher sind. Deutsch sprechen sie nicht. Der Mann tippt in sein Handy, die Übersetzungs-App zeigt an: "Wir wollen wieder nach Dresden." Und danach: "Auch alles zu weit weg hier." Der nächste Supermarkt ist einige Kilometer entfernt, der Bus fährt nur ein paar Mal am Tag. Das Paar zuckt mit den Schultern. Nun haben sie eine Wohnung, aber keine Ahnung, wie sie sich hier versorgen sollen.

"Dresden gut – hier nicht gut"

Auch Luai Khatum, der Flüchtlingsjunge aus dem Libanon, hofft, dass er mit seiner Familie nicht in Clausnitz bleiben muss. Die vergangenen drei Monate waren sie in einem Dresdner Erstaufnahmecamp untergebracht, dort hätten sie sich wohlgefühlt und Kontakte zu Helfern geknüpft. "Dresden gut – hier nicht gut", sagt Luai.

Der Leiter der Flüchtlingsunterkunft ist an diesem Tag nicht zu sehen. Nur seine Nummer hängt an der Tür, für Notfälle. Thomas Hetze geht auch ans Telefon. Allerdings will er eigentlich nichts sagen. Beziehungsweise: "Ich darf keine Aussage tätigen." Das sei eine Anweisung, die er bekommen habe, denn seine Person sei umstritten, "das ist ja jetzt bekannt".

Umstritten heißt: Hetze ist Mitglied der AfD. Einer Partei, in der zuletzt über Waffengewalt gegen Flüchtlinge diskutiert wurde. Für Hetze, der seine Mitgliedschaft bestätigt und schließlich doch einige Worte verliert, ist das kein Widerspruch. "Ich will Flüchtlingen helfen, aber ich bin eben gegen die große Politik."

Er selbst würde nie auf Flüchtlinge schießen, beteuert er, aber die Diskussion über einen Schießbefehl halte er für durchaus legitim. Aber noch einmal, er dürfe wirklich nichts sagen und müsse sich nun verabschieden. Sein letzter Satz: "Ich kann ja verstehen, dass viele Leute nicht verstehen, was ich tue."