An diesem Wochenende beginnt in China das Neujahrsfest, fast alle fahren dann in ihre alte Heimat zu ihren Familien. Unter dem Hashtag #GroßesNeujahrsfestVerhör teilen junge Chinesen derzeit auf dem Kurznachrichtendienst Weibo Tweets und Videos zu den nervigsten Fragen der Verwandtschaft: "Wann heiratest du?" und "Wann kriegst du Kinder?" stehen ganz hoch im Kurs. Nachwuchs zu haben, ist in Chinas Gesellschaft traditionell ein Muss. Zum Auftakt des neuen Jahres des Affen dürfte der Druck besonders groß werden, denn das Jahr gilt als glückbringend für Nachwuchs. Zudem hat Peking zum Jahresbeginn die seit Jahrzehnten geltende Ein-Kind-Politik abgeschafft. 90 Millionen verheiratete Frauen im gebärfähigen Alter dürfen nun ein zweites Kind bekommen.

"Nur ein Kind genügt" – mit dieser Parole, strengen Kontrollen und erzwungenen Sterilisierungen versuchte der chinesische Staat jahrzehntelang, die chinesische Bevölkerung in Sachen Fortpflanzung im Zaum zu halten. Doch nun steuert China ungebremst auf eine demografische Katastrophe zu. Das nationale Statistikamt hat ausgerechnet, dass bis 2040 mehr als ein Viertel der Chinesen älter als 65 sein wird. Lockerungen der Ein-Kind-Politik seit 2013 haben wenig Erfolg gezeigt. Die vollständige Abschaffung ist daher die logische Konsequenz. Seit 2012 sinkt die Anzahl der Arbeitskräfte. Gleichzeitig verfügt China weder über stabile soziale Sicherungssysteme noch über ein hohes Pro-Kopf-Einkommen. Das birgt nicht nur soziale Sprengkraft, sondern gefährdet auch die ambitionierten wirtschaftlichen Pläne Chinas.

Angst vor der alternden Gesellschaft

Wie groß die Angst der chinesischen Regierung vor den negativen Auswirkungen des demografischen Wandels ist, zeigen die deutlichen Worte in den Anfang des Jahres veröffentlichten Richtlinien für die Zwei-Kind-Politik. China stehe an einem "gravierenden Wendepunkt", heißt es da. Die Zwei-Kind-Politik umzusetzen, sei "zentral für eine langfristig ausgeglichene Bevölkerungsentwicklung".

Die staatliche Kommission für Gesundheitswesen und Familienplanung beteuert immer wieder, der Großteil der Bevölkerung wolle ein zweites Kind. Dabei kommen manche Umfragen zu anderen Ergebnissen: In einer Erhebung in der Provinz Shandong gaben nur 15 Prozent der Befragten unter 50 Jahren an, zwei Kinder zu wollen. Wenn sich die derzeitige Geburtenrate von 1,4 Kindern pro Frau nicht verbessert, könnte Chinas Bevölkerung bereits ab 2021 anfangen zu schrumpfen, fast zehn Jahre früher als bisher von der Regierung angenommen.

Die staatliche Propagandamaschine läuft deshalb auf Anschlag: Offizielle Medien berichten ausführlich über die Fruchtbarkeit fördernde Methoden, das richtige Alter zum Kinderbekommen, geben Tipps für ältere Gebärende. Denn fast zwei Drittel der 90 Millionen berechtigten Frauen sind bereits älter als 35. Für gebärwillige chinesische Paare bietet der Staat medizinische Unterstützung: Er finanziert Vorsorgeuntersuchungen, die kostenlose Entfernung hormoneller Verhütungsmittel und investiert in den Ausbau von Angeboten für künstliche Befruchtung.

Das Problem ist nur: Die Chinesen ziehen nicht mit bei dem angestrebten Babyboom. Im Internet diskutieren viele lebhaft die Gründe, die gegen ein zweites Kind sprechen.