Rassismus im grünen Freiburg? Sexuelle Übergriffe wie in Köln? Gefühlt sind in Freiburg die Temperaturen immer ein bisschen wärmer, der Himmel blauer, die Wiesen grüner als im Rest von Deutschland. Hysterie wegen Flüchtlingen kann hier kaum einer verstehen. Viele sind mit dem Fahrrad unterwegs, am Theater hängt die Frage "Schaffen wir das?", die die meisten Freiburger mit "klar!" beantworten würden. Flüchtlinge, erzählen viele, polarisieren in der Stadt nicht so stark wie anderswo. Es sind auch vergleichsweise wenige, derzeit kommen 2.800 Flüchtlinge auf 220.000 Einwohner.

Und dann dieser Skandal: Irgendwie war ein Brief des linksalternativen Clubs White Rabbit an die Öffentlichkeit geraten und hatte deutschlandweit für Aufregung gesorgt. Der Club teilte Veranstaltern darin mit, künftig Menschen nicht mehr reinzulassen, die nur eine Aufenthaltsgestattung haben. Der Club suchte nach Möglichkeiten, mit Vorfällen umzugehen, die sich in der Vergangenheit ereignet hatten. Von einer versuchten Vergewaltigung war die Rede, von Eindringlingen im Frauenklo und sexueller Belästigung.

Wenn es um sexuelle Belästigung geht, ist Deutschland seit der Silvesternacht in Köln hypersensibel. Und erst recht, wenn es dabei um angeblich Fremde geht, womöglich um Flüchtlinge. Und natürlich auch, wenn vermeintlich etwas verschwiegen wird.

Überregionale Medien griffen das Thema Freiburg auf, als wollten sie in Sachen Transparenz nach den Vorfällen an Silvester nichts mehr falsch machen. Die AfD in Lörrach triumphierte und bekam in Umfragen erstmals zehn Prozent; in Baden-Württemberg sind am 13. März Landtagswahlen. Auch andere Parteien haben ihren Ton seit Silvester verschärft: Winfried Kretschmann, der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, sagte etwa: "Wer straffällig wird, hat sein Bleiberecht verwirkt." Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon, ebenfalls von den Grünen, forderte nach den vermeintlichen Vorfällen in Freiburg markig eine "harte Linie" gegenüber kriminellen Flüchtlingen.

Kein spezifisches Freiburger Problem

Dem Medienrummel begegnet man gegenüber dem fraglichen Club White Rabbit sarkastisch. Grapschereien, Taschendiebstähle, Zutrittsverbot? Die Studenten, die hier im Afghan-Eck Mittag essen, wollen davon nichts bemerkt haben. Natürlich werde man manchmal angemacht, sagt die Tochter der aus Afghanistan stammenden Betreiber. Bisher habe aber jeder ein Nein verstanden. Ihre Mutter hingegen ist besorgt: "Da sind schon mehr Männer auf der Straße, die trinken", sagt sie, während sie scharfe Soße auf Samosas schüttet, "wir machen deshalb früher zu". Ihre Tochter schüttelt den Kopf. Die Studentin trägt Nasenring. Ihre Mutter Kopftuch. Sie zuckt die Schultern. Die deutsche Sprache und die Vermittlung hiesiger Werte seien durchaus ein Problem, sagt sie.

Mit Alkoholismus und Kriminalität kennt sich Freiburg aus – wie jede Großstadt. Auf dem Stühlinger Kirchplatz nahe dem Hauptbahnhof ging es vor ein paar Jahren wild zu. Damals waren unter gefassten Smartphone-Dieben auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. "Schwarze Schafe", sagt Freiburgs Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach. Einzelfälle rechtfertigten keinen Generalverdacht.

Ein runder Tisch, der nach dem Skandal tagte, kam zu dem Schluss: Es gibt seit Jahren auffälliges Verhalten wechselnder Gruppen in der Stadt, Kleinkriminalität, Taschendiebstähle. Eindeutig zuordnen kann man diese Taten nicht. An der Integration soll in kleineren Gruppen weitergearbeitet werden. "Alle Teilnehmenden des runden Tisches sind einig, dass es kein spezifisches Freiburger Problem gibt", heißt es abschließend.

Nicht schaffen kommt in Freiburg nicht infrage

Oberbürgermeister Salomon ist dieser Tage schwer zu erreichen: Talkshow-Einladungen, Interviews – seine Meinung ist plötzlich sehr gefragt. Ein paar Minuten aber nimmt er sich. Er habe von den Vorfällen aus der Zeitung erfahren, erzählt er. Zu Bundeskanzlerin Angela Merkel habe er ein paar Wochen zuvor, als sie in Freiburg war, gesagt: Wir schaffen das. "Da hat sie gelacht."

Dann wird Salomon bestimmter: "Es nicht zu schaffen, hat in Freiburg nie zur Debatte gestanden." Was in den Medien mit dem Clubverbot hochkochte, hat den Politiker dann allerdings kalt erwischt und heftig reagieren lassen. Wenn sich bewahrheiten sollte, dass Frauen sich auf der Straße nicht sicher fühlen, sagt er jetzt, dann sei das ein Problem. Man müsse es benennen, um den Rechten die Argumente zu nehmen. Verschweigen wollte er nichts, betont er und bedauert, dass es so sehr skandalisiert wurde, als er den Mund aufmachte.