Henry aus England, Alena aus Tschechien, Agon aus Mazedonien, Elisa aus Deutschland, Ljudmyla aus der Ukraine (v.l.n.r.) © privat/Juliane Henn/Kitty Kleist-Heinrich, Tagesspiegel, Pavlo Slobodnychenko

Dieses asoziale Europa dieser Tage, was Albert Einstein dazu wohl sagen würde? Vermutlich würde der Physiker nur mit dem Kopf schütteln angesichts der leidenden Flüchtlinge vor den Grenzen der EU; angesichts der Uneinigkeit unter den Nationen Europas; angesichts des ungarisch-österreichischen Protektionismus und des britischen Narzissmus. Einstein war überzeugter Europäer. Als Unterstützer der Paneuropa-Union trat er vor knapp Hundert Jahren für die Vision eines politisch, wirtschaftlich und militärisch vereinten Europas ein. Zumindest ein Teil davon ist mittlerweile Realität.

Das Paneuropa-Magazin aus dem Jahr 1925 © Steffen Dobbert

"Ja, unbedingt", antwortete Einstein 1925 auf die Frage, ob die Schaffung der Vereinten Staaten Europas notwendig sei. Ob so ein vereintes Europa tatsächlich irgendwann existieren würde, beantwortete der Nobelpreisträger mit: "Materiell sicher. Psychologisch?" Da hatte er wohl seine Zweifel. Einstein und viele weitere Persönlichkeiten des vorigen Jahrhunderts – Felix Mendelssohn Bartholdy, Thomas und Heinrich Mann – beantworteten die Fragen in der Zeitschrift Paneuropa, um "einen Überblick zu geben, wie weit sich der Paneuropa-Gedanke in den führenden Köpfen und Kreisen Europas durchgesetzt hat", heißt es dort.

Und heute? Was denken Europäer, die ohne Weltkriegserfahrung aufwuchsen, die den Gründungsgedanken der EU also nicht miterlebt haben? Wollen sie ein noch stärker vereintes Europa? Oder hat diese Generation schon genug von dieser EU? Das Projekt Generation Europe ist dem nachgegangen und hat jungen Europäern heute die gleichen Fragen wie Albert Einstein und Co. gestellt. Wir veröffentlichen ausgewählte Antworten.  


"Ich fühlte mich mehr als Europäerin, denn als Tschechin"

Alena Hrachová, 27, Akademikerin, Herkunft: Tschechien © Juliane Henn


Hältst Du die Schaffung eines vereinten Europas für notwendig?
Das war und ist ein Muss, um auf unserem Kontinent weiterhin für Frieden zu sorgen. Die Europäer sollten gerade heute diese Grundidee der europäischen Integration nicht vergessen. Nur ein vereintes Europa kann sich Bedrohungen von innen und außen erfolgreich entgegenstellen.

Hältst Du die Schaffung eines vereinten Europas für möglich?
Seit der ersten Idee einer EU verläuft der Weg ja genau in diese Richtung, immer mehr nationale Elemente wurden integriert. Momentan halte ich es jedoch nicht für möglich, dass dieser Prozess in einem einzigen europäischen Staat endet. Viele Länder sind dazu noch nicht bereit. Vielleicht wird Europa eines Tages dazu gezwungen, um mit anderen großen Ländern der Erde noch mithalten zu können. Selbst wenn das passiert: Ich bin überzeugt, ein vereintes Europa wird seinen Charme durch seine Vielfalt behalten.

Und wer bist Du, wo fühlst Du Dich zu Hause?
Ich bin Alena. Geboren wurde ich in Tschechien, aber meine europäische Identität war mir immer genauso wichtig wie meine tschechische – manchmal sogar wichtiger. Besonders während meiner Zeit außerhalb Europas fühlte ich mich mehr als Europäerin denn als Bürgerin Tschechiens. Es gab Zeiten, da habe ich meine nationale Identität sogar komplett vergessen. Wo ich mich zu Hause fühle? In den vergangenen Jahren habe ich in drei Ländern gelebt und mich immer da zu Hause gefühlt, wo ich glücklich war, weil mein Partner mit mir zusammen war und ich etwas verwirklicht habe.

Was bedeutet Europa für Dich und was sollte es einmal sein?
Europa bedeutet Heimat für mich, und das sollte auch so bleiben. Daneben steht Europa auch für die vielen Möglichkeiten und Optionen, die es seinen Bürgern ermöglicht. Ich bin stolz, davon profitieren zu können – so wie Millionen andere Europäer auch. Umziehen in ein anderes Land, Arbeiten, Studieren und Leben innerhalb der EU war niemals leichter als heute – großartig. Europa ist eine stabile demokratische Region, die ihren Frieden durch Aussöhnung und Ausgleich erreicht hat. Wenn das so bleibt, möchte ich mein Leben in diesem Europa verbringen.