Erst wurden Frauen in Köln in der Silvesternacht angegrapscht. Nun wurden in den vergangenen Wochen  schwule Männer von jungen Männern am Kottbusser Tor verfolgt und geschlagen. Sind diese Fälle als Zeichen zu werten,  dass unsere offene Gesellschaft neuerdings und vermehrt von Zuwandern angegriffen wird? Werden vermehrt Homosexuelle Opfer von arabischstämmigen Männern? Wohl eher nicht. Auch wenn der Berliner Kurier schrieb: "Szenen, die man sonst nur aus dem arabischen Raum kennt. Jetzt ist dieser Albtraum in Berlin."

Homosexuelle zeigten zwar laut Markus Ulrich vom Lesben- und Schwulenverband (LSVD) inzwischen häufiger an, wenn sie belästigt oder geschlagen werden. Das müsse aber nicht bedeuten, dass die Übergriffe tatsächlich mehr geworden seien. Eher lässt sich die höhere Zahl der Anzeigen damit erklären, dass Polizisten heute sensibler mit dem Thema umgehen als früher und Homosexuelle sich ihnen eher anvertrauen. Genaue Zahlen gebe es trotzdem nicht, denn die Dunkelziffer sei noch immer enorm hoch. Es habe aber in den letzten Jahren regelmäßig ähnliche Gewalttaten gegen Schwule oder Transgender gegeben, die es in die Presse geschafft hätten, sagt Jörg Steinert, Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbands in Berlin-Brandenburg. Aber auch er hält es für fraglich, ob diese neuen Fälle wirklich eine neue Tendenz aufzeigen. Auch eine arabische Bande, die gezielt Schwule am Kottbusser Tor angreife, ist dem Verband nicht bekannt.

Der Kotti sei außerdem längst keine No-Go-Area für Schwule. Im Gegenteil: Die Erfahrung zeige, dass Homosexuellen am ehesten dort Gewalt angetan werde, wo sie sich gerne und offen bewegen: in Berlin vor allem in Schöneberg, aber eben auch in Kreuzberg, wo beliebte Schwulenkneipen viele Gäste anlocken. Am Kotti sind schon immer die verschiedensten Gruppen aufeinandergestoßen: Junkies, Alkoholiker und Leute, die feiern gehen. Menschen mit Migrationshintergrund oder wenig Bildung treffen hier auf Studenten und Akademiker. In Berlin-Lichtenberg hingegen oder dort, wo Neonazis in Mecklenburg-Vorpommern vermutet werden, reglementierten Schwule sich häufig selbst, sagt Steinert. "Sie halten sich dort eben nicht an der Hand oder küssen sich öffentlich, wie sie es in Schöneberg oder in Kreuzberg tun."

Es gibt also keinen Grund, wegen der vielen Flüchtlinge von einer neuen Gewaltwelle auszugehen – aber trotzdem natürlich keine Entwarnung. In den Flüchtlingsunterkünften werden Homosexuelle und transsexuelle Menschen sehr oft angegriffen, sagt Steinert. Dem Verband seien auch einige Fälle bekannt, in denen schwule und lesbische Jugendliche von ihren Familien in Deutschland zwangsverheiratet werden sollten.

Die meisten homophoben Gewalttäter sind jedoch – unabhängig davon, ob sie rechtsextrem denken, einen Migrationshintergrund haben oder einer extremistischen Religion angehören – junge, eher ungebildete und insgesamt gewaltaffine Männer. Besonders häufig würden in der Öffentlichkeit transsexuelle Menschen Opfer von Gewalt, sagt Steinert, da sie in der Regel leichter zu erkennen sind. Vor einigen Wochen erst wurde eine geflohene transsexuelle Frau, die erst seit ein paar Monaten in Berlin lebt, im U-Bahnhof Rathaus Neukölln von arabischstämmigen Männern bedroht. Sie habe keine Chance bei der Polizei, hatten die ihr gesagt. Sie hätten hier das Sagen.