Der Tod eines italienischen Doktoranden in der Nähe von Kairo verursacht politische Spannungen zwischen Italien und Ägypten. Der 28-jährige Giulio Regeni war am Mittwoch halbnackt, mit Folterspuren am Körper und entstelltem Gesicht tot aufgefunden worden. Man habe an der Leiche Messerstiche, Brandwunden von Zigaretten, Schnitte im Ohr und Spuren von Schlägen gefunden, die auf einen "langsamen Tod" hindeuten, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Der Tote war in der Stadt Giseh 20 Kilometer südwestlich von Kairo in einem Graben gefunden worden. 

In Rom wurde der ägyptische Botschafter einbestellt. Italien sei fassungslos und erwarte maximale Kooperation bei der Aufklärung des Verbrechens sowie eine Beteiligung italienischer Experten an der Obduktion, hieß es.  

Italiens Wirtschaftsministerin Federica Guidi brach ihren Besuch in Ägypten ab und kehrte zusammen mit 60 Firmenvertretern vorzeitig nach Italien zurück. Vor ihrer Abreise warnte sie Ägyptens Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi, der Fall könne die Beziehungen zwischen beiden Ländern empfindlich stören. Italien hatte den ehemaligen General im November 2014 als erste westliche Nation zum Staatsbesuch eingeladen und damit in Europa wieder hoffähig gemacht.

Giulio Regeni promovierte an der britischen Universität Cambridge über die Rolle der Gewerkschaften in Ägypten nach 2011. Er hielt sich seit September als Gastwissenschaftler an der Amerikanischen Universität Kairo (AUC) auf, um seine Arabischkenntnisse zu vertiefen und für seine Doktorarbeit zu recherchieren. Seine Eltern flogen inzwischen nach Kairo, um den Leichnam ihres Sohnes nach Italien zu überführen.

Die Hintergründe des Mords sind bisher unklar. Regeni könnte Opfer eines Verbrechens geworden sein. Er könnte aber auch – wie einige prominente Menschenrechtsanwälte vermuten – von der Staatssicherheit verhaftet und verschleppt worden sein.

An der Metrostation verhaftet?

Neun Tage lang galt Regeni als vermisst. Nach Angaben seiner Mitbewohner wollte er am 25. Januar gegen Abend mit der Metro von Dokki-Behoos drei Stationen bis ins Zentrum von Kairo fahren, um dort einen Freund zu treffen. Am Eingang der Station wurde er zum letzten Mal gesehen. Die Zeitung La Repubblica berichtet, eine ägyptische Journalistin habe gesehen, wie ein Ausländer an der Metrostation festgenommen worden sei. Ob es sich dabei um Regeni handelt, ist nicht klar. 

Am 25. Januar, dem fünften Jahrestag der ersten Massendemonstration auf dem Tahrir-Platz, wimmelte es in Kairo von Polizei und Militär. Die meisten Bürger blieben aus Angst vor Gewalt und Übergriffen zu Hause. Nach Einbruch der Dunkelheit kam es an mehreren Orten der Stadt zu kleineren Demonstrationen, die von der Polizei mit Schlagstöcken und Wasserwerfern aufgelöst wurden. Vor dem Jahrestag waren 5.000 Wohnungen in Kairo durchsucht worden. Dutzende Aktivisten, Journalisten, Ärzte und Rechtsanwälte wurden verhaftet.

Regeni schrieb Zeitungsartikel unter einem Pseudonym

La Repubblica berichtete, Regeni habe für die linksgerichtete italienische Tageszeitung Il manifesto geschrieben. Da er Angst vor Repressionen gehabt habe, seien seine Artikel unter einem Pseudonym erschienen. Journalisten – auch aus dem Ausland – sind in Ägypten oft Einschüchterungsversuchen ausgesetzt.

Die Polizei- und Justizwillkür in Ägypten ist Demokratie-Aktivisten zufolge inzwischen schlimmer als unter dem einstigen Diktator Hosni Mubarak. Mehr als 40.000 Menschen, darunter 3.600 Studenten, sitzen im Gefängnis. Nach Angaben des Innenministeriums wurden allein im vergangenen Jahr knapp 12.000 Bürger als vermeintliche Terroristen verhaftet. 

Es häufen sich Fälle, bei denen Verhaftete – wie zuletzt in Bani Suwaif, Alexandria und Kairo – kurz nach ihrer Festnahme erschlagen wurden. Andere werden durch Folter zu falschen Geständnissen gezwungen. Das angesehene Al-Nadim Center for Rehabilitation of Victims of Violence in Kairo dokumentierte im vergangenen Jahr mindestens 640 Fälle von Folter in Gefängnissen und 137 Todesfälle unter Häftlingen.