Fady Jomar bekommt einen Stock in die Hand gedrückt, an dessen Ende ein Luftballon hängt. Dann den Blumenkranz auf den Kopf, einmal zum Spaß die Arme in die Luft werfen – dann ist er bereit. "Jetzt kannst du Karneval feiern", sagen die Feen. Sie stehen zusammen auf dem Heumarkt in Köln. Vorne zeigt eine Leinwand das Konzert einer Blaskapelle, an der Bar stoßen Jack Sparrow und vier Fröschinnen an. Frauen schneiden die Schlipse der Männer ab, die haben an Weiberfastnacht nichts zu melden. Keine Stunde zuvor hat Oberbürgermeisterin Henriette Reker offiziell den Beginn des Straßenkarnevals eingeläutet. Jomar lacht, die vier Feen, die normalerweise Studentinnen sind, auch. Es regnet, aber egal: Kölle Alaaf, es ist Karneval! Jeder ist heute Kölner, sagen die Kölner. Jomar auch?

Fady Jomar ist 37 Jahre alt und kommt aus Damaskus in Syrien. Er arbeitete dort als Journalist und Autor, bis er Bomben auf Menschen fallen sah und beschloss zu fliehen. Seit einem halben Jahr ist er in Deutschland, er lebt in Marienheide. Mit dem Zug sind es mehr als eineinhalb Stunden von dort nach Köln. Jomar ist trotzdem ständig hier. Er war schon immer Stadtmensch. Er hat nicht an das Regime geglaubt und auch nicht an die Religion. Er trinkt Bier, er raucht Zigarillos. Er mag keine überfüllten Feste und ihren Lärm, blieb Silvester zu Hause.

Jetzt aber will er den Karneval sehen. Ein Freund hat ihm erklärt, das seien die Tage, an dem die Menschen von ihrem Alltag pausierten. Jomar hatte keine Ahnung, dass das heißt: Verkleidete Menschen trinken um acht Uhr morgens neben ihm im Zug Bier aus Dosen.

Als Jomar in Köln ankommt, will Jomar nicht reden, will keine Erklärungen, er will los: "Ich will alles auf mich wirken lassen." Für ihn ist es der erste Karneval überhaupt. Für die Kölner und andere Festbesucher aus der Umgebung ist es der erste nach Silvester. Auf den Tag genau fünf Wochen ist es her, dass Hunderte Frauen ausgeraubt und sexuell belästigt wurden. Mehr als 1.000 Anzeigen sind mittlerweile bei der Polizei eingegangen.

Die Stadt hat dementsprechend vorgesorgt: 2.000 Beamte sind an Weiberfastnacht im Einsatz, dazu 350 Polizeianwärter, insgesamt doppelt so viele wie 2015. An mehreren Plätzen hat die Stadt Beleuchtungsanlagen aufgestellt – "Hellräume", die auch nachts nicht düster werden. Fahrzeuge sind mit Videoüberwachung, Beamte mit Bodycams ausgerüstet. Bei der Vorstellung des Sicherheitskonzeptes sagte Henriette Reker, Silvester dürfe sich nicht wiederholen: "Wir haben alles dafür getan, dass alle in Köln das Gefühl haben können, sicher zu sein."

Jomar hat immer noch ein wenig Angst vor Polizisten. Er weiß, sie sind für die Sicherheit hier und man kann ihnen vertrauen. Aber in Syrien ist das eben anders.

Von wegen Papierkram

Er verlässt jetzt den Bahnhof, weg von den lauten Trommeln und den Gesängen in der Halle, hinaus ins Freie; dorthin, wo der Kölner Dom steht, an dem ein Banner hängt, das vor Rassismus warnt. Es sind so viele Kostüme auf der Straße unterwegs, dass man sich bemühen muss, einzelne zu erkennen. Welches Kostüm er am besten findet? "Ich weiß es nicht", sagt Jomar. An ihm vorbei laufen Pandas, Harry Potter und Power Rangers.

Als Jomar nach Deutschland kam, habe ihn am meisten überrascht, wie viel Zeit Deutsche in ihre Bürokratie und Papierarbeit stecken. Imponiert habe ihm, wie gründlich sie dabei sind, und wie hart sie arbeiten. Das will er von ihnen lernen, will das mit zurück in seine Heimat nehmen, nach dem Krieg.

Doch heute ist von all der Genauigkeit und all dem Papierkram nichts zu sehen. "Sie arbeiten hart und sie feiern hart – das ist schon zu bewundern." Jomar lacht, wie so oft an diesem Tag. Es läuft Viva Colonia, ein Helikopter kreist über der Stadt. Ein Hund und ein Hase fallen sich in die Arme. "Sie vergessen alle Probleme des Alltags und lassen sich fallen", sagt Jomar, der danebensteht.

Wie das geht? "Einfach fröhlich sein, die Sorgen vergessen, Bier trinken, verkleiden", erklären Karin und Uschi. Die beiden, "sagen wir: Ü-50"-Jahre alten Frauen fahren seit Jahrzehnten zum Karneval, kennen die besten Tricks für günstige Kostüme (Filzdecke für drei Euro und Papierblumen darauf kleben). "Hier redet jeder mit jedem, egal, wo er her ist ", sagen sie. Jomar erklärt ihnen seine Bewunderung: "Ich habe noch nie so viele Leute in diesem Alter feiern sehen. Wie machen Sie das?" Die Frauen lachen und heben zur Antwort die Gläser. Jomar: "Ich frage mich die ganze Zeit: Was würden meine Eltern denken?"