Ihr nächstes Opfer nehmen die fünf Männer um 13.02 Uhr in den Blick. Dort, wo die zehn Geschosse des "Neuen Kreuzberger Zentrums" die Adalbertstraße überbrücken. Wo zuletzt wieder viel über Räuber, Dealer und Antänzer gesprochen wurde. Von wo die fünf Männer um 13.03 Uhr wie aufgeputschte Kinder, die alles und jeden anfassen müssen, ein paar Meter zum Kottbusser Tor laufen.

An diesem Wintertag in der Woche flutet die Sonne den Kiez. Die Kreuzberger strömen mit Kaffeebechern in der Hand vom und zum U-Bahnhof Kottbusser Tor. Die fünf Männer sind geschätzte 25 Jahre alt, haben Gel in den Locken und trotz dunklen Teints fallen ihre noch dunkleren Augenringe auf.

Sie tun, was sie gleich tun werden, weil sie niemand aufhält, weil sie die Berliner Polizisten nicht fürchten, die Becherkaffee-Trinker schon gar nicht. Und so schlendert die Clique im Kreis, bis der Lauteste um 13.04 Uhr ungeniert loslegt: Hallo, Zigarette? Nein? Ah, ah, Jacke gut, Jacke schön, wo kaufen?

Nach einer, vielleicht zwei Sekunden ist die Hand des Lauten, der seinem Opfer so viel Nettes über dessen Mantel sagt, in die Außentasche desselben gerutscht, er fischt eine Tüte heraus und verschwindet in den Häuserschluchten. Die Clique wird feststellen, dass sie Hustenbonbons erbeutet hat.

Manche Diebe besprühten ihre Opfer mit Reizgas oder zogen Messer

Diesmal. In den vergangenen Monaten wurden am Kottbusser Tor fast täglich Passanten umringt. Dabei wurden Portemonnaies, Telefone, Handtaschen gestohlen. Klappte das nicht, schlugen die Täter zu, manche besprühten ihre Opfer mit Reizgas oder zogen Messer. Einigen Frauen wurde an den Busen gefasst oder ins Gesicht geschlagen – wie vor einigen Wochen. Oder die Opfer wurden hunderte Meter weit gejagt – wie zum Jahresanfang, als ein rasender Trupp mit Gürteln auf zwei Schwule eindrosch, sie trat, während die zwei Männer in Panik schrien. Von der Hatz gibt es ein Video.

Seit 30 Jahren gilt das Kottbusser Tor, dieser Kreisverkehr mit zwei U-Bahnlinien, als Problemplatz. Nun sei es noch schlimmer geworden, berichten Anwohner und Gewerbetreibende, Deutsche und Türken.

Stimmt das – oder gibt es nur eine zufällige Häufung der Übergriffe?

Ein Anruf bei der Polizei: Angezeigte Taschendiebstähle? Von 2014 auf 2015 eine Verdoppelung, statistisch gibt’s zwei, drei am Tag. Drogenhandel? Zunahme. Raub? Plus 50 Prozent, 80 Fälle letztes Jahr. Körperverletzung? Ebenfalls ein Anstieg. "Und das sind nicht alle Taten", sagt ein Beamter. "Viele Opfer sind Touristen, sie machen keine Anzeige, weil sie bald abreisen oder sich nicht die ganze Nacht versauen lassen wollen."