Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Liebe Leser! Ich muss Ihnen eine traurige Mitteilung machen. Was Sie hier lesen, ist ein Text über Lügenpresse. Er erscheint – wo sonst? – in der Lügenpresse, also außerhalb der "Wahrheit" dessen, der es für erwiesen hält, dass die Lügenpresse immerzu Lüge anstelle von Wahrheit verbreitet. Aber was hat der Lügenpresserufer selbst zu bieten? Wenn alle Presse Lüge ist, bleibt für die Wahrheit doch nur noch das eigene Tagebuch. Das ist kein Weltniveau, das ist kein Vaterland, das ist gar nichts. Und das weiß auch jeder. Die Sache muss also neu aufgerollt werden.

Frage eins: Was ist Wahrheit, was ist Lüge? Und woher wissen wir das? (Ein fast unauflösliches Dilemma.)

Frage zwei: Kann es sein, dass das nicht neu ist? Haben wir nicht früher schon so etwas gehört?

Lügen

Lügenpresse und Strafrecht. Irgendwo muss man anfangen. Die sowieso schon alles wissen, "kräuseln die Mundwinkel" – so könnte es vielleicht unsere FAZ formulieren. Freilich: Nur Orang-Utans können die Mundwinkel kräuseln. Als leitende Persönlichkeit der Qualitätspresse kann man allenfalls so tun, als wisse man und sublimiere dies, dreidimensional, durch die Talkshow schnurstracks ins Nirwana.

Die FAZ könnte ferner sagen, irgendwo im Kosmos ihres Intellekts befinde sich ein Türchen, hinter dem eine Erkenntnis warte, welche dem Leser aus Bad Nauheim oder Sydney die tantenhaft hervorgehüstelte Sicht auf die Welt als bedeutend erscheinen lasse. Oh my God, schaudert es die zweite Gattin des ersten Vertreters des dritten Vorstands in Königstein: Hat Mario Draghi das tatsächlich gesagt? Muss ich den Gärtner abbestellen? Was soll aus unseren Söhnen werden?

Die nichts verstehen können, müssen leider draußen bleiben. Wer nichts verstehen will, ist unter dem Vorbehalt besserer Einsicht gleichwohl eingeladen.  

Die reine Wahrheit

Deshalb hier zunächst: die reine Wahrheit.

Am 29. Januar 2016 veröffentlichte die FAZ – die Zeitung für nichts weniger als Deutschland – auf Seite eins einen kleinen Kommentar einer ihrer Herausgeber, Berthold Kohler, zu dem Handgranatenanschlag auf ein Asylbewerberheim in Villingen-Schwenningen: Dieser sei, so lasen wir,

"der Höhepunkt einer langen Reihe von Brandstiftungen und anderen Anschlägen... Offenbar waren nicht bei jeder dieser Straftaten fremdenfeindliche Motive im Spiel. Doch kann niemand daran zweifeln, dass die Migranten (…) Zielscheiben einer zunehmend terroristische Züge tragenden Gewalt werden. Der Staat muss sie mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen, denn auch von dieser Seite her wird sein Gewaltmonopol angegriffen."

Sie werden sagen: Ein FAZ-Text, wie er im Buche steht. Nicht die geringste Unkorrektheit zu erkennen. Ich sage Ihnen: Ein Kunstwerk. Ein Werk, das von der Farbe zwischen den Buchstaben lebt und mit Ihrem Unterbewussten ein güldenes Band der Innigkeit schließt. Aber auch ein Wahrheitswerk? Vermutlich haben nur wenige einen vertiefenden Blick darauf geworfen. Wir tun es, gerade wegen der im Nichts dahinmurmelnden Unauffälligkeit des Textes.