Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Denken Sie, Lüge und Wahrheit in der Berichterstattung über das Strafrecht sei ein neues Thema? Sie irren. "Strafrecht und Presse" ist ein Thema, seit es "Presse" gibt: Vielleicht seit den Zeiten der Rezeption, als die gelehrten Scolaren den tumben Deutschen die Wissenschaft vom Recht aus Bologna überbrachten, vielleicht seit die ersten Drucker druckten und die Nachrichten vom unerhörten Geschehen sich ablösten von der mündlichen Überlieferung und dem bloßen Gerücht.

Denn "unerhört" ist ja die Nachricht vom Strafrecht an sich, und vom echten Verbrechen erst recht. Sie durchbricht den Frieden des Einzelnen, der Familie, des Dorfs. Sie kündet von Begebenheiten, die uns fürchten machen: Schreien, Schlagen, Stechen, Blut und Angst, Verzweiflung und Einsamkeit, Erregung und Leidenschaft.

Das Verbrechen ist in unserem Leben also nicht die banale Brutalität eines überdrehten Gotham City. Es ist singulär, außergewöhnlich. Es ist die Furcht vor dem betrunkenen Vater, der gnadenlosen Mutter, dem finsteren Dunkel, dem kalten Schmerz, der Gewalt, dem Fremden. Das Verbrechen sucht der Mensch immer im Fremden, nie in sich selbst. Recht hat er, und irrt doch. Selbst da, wo der deutsche Bürger nichts mehr erkennen kann als eine lebensfeindliche Wüste aus Bedrohung, Regellosigkeit und Niedertracht, richten sich Menschen ein, arrangieren sich auf immer neue Weise mit der Regel und der Ausnahme, begründen ihre Moral und versuchen, sie als Gesetze durchzusetzen.

Strafrecht ohne Kommunikation ist sinnlos, in gleich mehrfacher Hinsicht. "Recht" ist ja nichts anderes als kommunikativ organisierte Verständigung über Gewalt und deren Vermeidung. Strafrecht definiert seiner Natur nach eine äußerste Grenze sozialer Toleranz. Es ist deshalb in höchstem Maße Ergebnis eines permanenten Definitionsprozesses und Klärungskampfes. Jeder hält die eigene Grenzberührung für gerade noch erträglich, die des Fremden nicht.

Straf-Recht ist zudem Staat. Obrigkeit. Gewalt. Die Grenze muss kennen, wer "Bürger" ist. Gegen die Allmacht des Staates muss die Grenze der Freiheit bestimmt werden. 630 Abgeordnete in Berlin stimmen darüber ab, und wenn sie außer Rand und Band sind und sich eine "Aufhebung des Fraktionszwangs" als "Sternstunde" gönnen, rufen sie in die Kameras: "Wir sind der Gesetzgeber!".

Zur Sache: Strafrecht funktioniert nicht per Bundesgesetzblatt römisch eins, sondern per Kommunikation. Über seine Grenzen wird gestritten und das ist gut. Zu den Grenzen gehört die Wirklichkeit: Sind die Tatbestände sinnvoll? Sind die Prozesse fair? Sind die Strafen vernünftig? Wollen wir uns selbst nach den Regeln behandeln lassen, die wir auf andere anwenden?

Weil der moderne Mensch schon von Menschen, die drei Häuser weiter wohnen, keine Ahnung hat, wenn sie nicht "im Fernsehen kommen" oder "in der Zeitung stehen", und weil die Wirklichkeit des Verbrechens, des Strafrechts und des Prozesses meist nur als medial präsentierter Bericht in unser Bewusstsein dringt, trägt sich und uns das System der öffentlichen Kommunikation.

Presse – subjektiv:

Presse ist eine Technik. Presse ist ein System mit belangvollen und belanglosen Subsystemen und Regelungsgewohnheiten. Presse ist notorisch überhoben und doch Teil der Gesellschaft. "Journalist" darf sich nennen, wer eine Tastatur bedienen kann. Ist das gut oder schlecht? Wer es kritisiert, will einen "Qualitätsstandard"; er definiert "Presse" (im Sinn von Artikel 5 Grundgesetz) also nicht als etwas primär dem Menschen(recht) Innewohnendes, sondern als äußere Struktur: Als seien Kommunikation und Meinung etwas Ähnliches wie Gefäßchirurgie und Solartechnik.

Ist sie aber nicht. Der Anblick des jeweils aktuellen Journalismus – Fußball-Profis sagen routiniert: "Journaille" – muss selbstverständlich seit 200 Jahren äußerste Besorgnis erregen; das wusste schon Mark Twain. Aber darf man die Idee für ihre Inkorporierung verantwortlich machen? Der Kolumnist jedenfalls ist noch nie in seinem Leben einem Journalisten begegnet, der/die sich nicht zu den "Guten" gerechnet und sich über die "Schwarzen Schafe" der Branche erhoben hätte. Aus meiner Sicht handelt es sich allerdings, wie in vielen anderen Bereichen, um eine bis zum Horizont grau durchgefärbte Herde.