Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Denken Sie, Lüge und Wahrheit in der Berichterstattung über das Strafrecht sei ein neues Thema? Sie irren. "Strafrecht und Presse" ist ein Thema, seit es "Presse" gibt: Vielleicht seit den Zeiten der Rezeption, als die gelehrten Scolaren den tumben Deutschen die Wissenschaft vom Recht aus Bologna überbrachten, vielleicht seit die ersten Drucker druckten und die Nachrichten vom unerhörten Geschehen sich ablösten von der mündlichen Überlieferung und dem bloßen Gerücht.

Denn "unerhört" ist ja die Nachricht vom Strafrecht an sich, und vom echten Verbrechen erst recht. Sie durchbricht den Frieden des Einzelnen, der Familie, des Dorfs. Sie kündet von Begebenheiten, die uns fürchten machen: Schreien, Schlagen, Stechen, Blut und Angst, Verzweiflung und Einsamkeit, Erregung und Leidenschaft.

Das Verbrechen ist in unserem Leben also nicht die banale Brutalität eines überdrehten Gotham City. Es ist singulär, außergewöhnlich. Es ist die Furcht vor dem betrunkenen Vater, der gnadenlosen Mutter, dem finsteren Dunkel, dem kalten Schmerz, der Gewalt, dem Fremden. Das Verbrechen sucht der Mensch immer im Fremden, nie in sich selbst. Recht hat er, und irrt doch. Selbst da, wo der deutsche Bürger nichts mehr erkennen kann als eine lebensfeindliche Wüste aus Bedrohung, Regellosigkeit und Niedertracht, richten sich Menschen ein, arrangieren sich auf immer neue Weise mit der Regel und der Ausnahme, begründen ihre Moral und versuchen, sie als Gesetze durchzusetzen.

Strafrecht ohne Kommunikation ist sinnlos, in gleich mehrfacher Hinsicht. "Recht" ist ja nichts anderes als kommunikativ organisierte Verständigung über Gewalt und deren Vermeidung. Strafrecht definiert seiner Natur nach eine äußerste Grenze sozialer Toleranz. Es ist deshalb in höchstem Maße Ergebnis eines permanenten Definitionsprozesses und Klärungskampfes. Jeder hält die eigene Grenzberührung für gerade noch erträglich, die des Fremden nicht.

Straf-Recht ist zudem Staat. Obrigkeit. Gewalt. Die Grenze muss kennen, wer "Bürger" ist. Gegen die Allmacht des Staates muss die Grenze der Freiheit bestimmt werden. 630 Abgeordnete in Berlin stimmen darüber ab, und wenn sie außer Rand und Band sind und sich eine "Aufhebung des Fraktionszwangs" als "Sternstunde" gönnen, rufen sie in die Kameras: "Wir sind der Gesetzgeber!".

Zur Sache: Strafrecht funktioniert nicht per Bundesgesetzblatt römisch eins, sondern per Kommunikation. Über seine Grenzen wird gestritten und das ist gut. Zu den Grenzen gehört die Wirklichkeit: Sind die Tatbestände sinnvoll? Sind die Prozesse fair? Sind die Strafen vernünftig? Wollen wir uns selbst nach den Regeln behandeln lassen, die wir auf andere anwenden?

Weil der moderne Mensch schon von Menschen, die drei Häuser weiter wohnen, keine Ahnung hat, wenn sie nicht "im Fernsehen kommen" oder "in der Zeitung stehen", und weil die Wirklichkeit des Verbrechens, des Strafrechts und des Prozesses meist nur als medial präsentierter Bericht in unser Bewusstsein dringt, trägt sich und uns das System der öffentlichen Kommunikation.

Presse – subjektiv:

Presse ist eine Technik. Presse ist ein System mit belangvollen und belanglosen Subsystemen und Regelungsgewohnheiten. Presse ist notorisch überhoben und doch Teil der Gesellschaft. "Journalist" darf sich nennen, wer eine Tastatur bedienen kann. Ist das gut oder schlecht? Wer es kritisiert, will einen "Qualitätsstandard"; er definiert "Presse" (im Sinn von Artikel 5 Grundgesetz) also nicht als etwas primär dem Menschen(recht) Innewohnendes, sondern als äußere Struktur: Als seien Kommunikation und Meinung etwas Ähnliches wie Gefäßchirurgie und Solartechnik.

Ist sie aber nicht. Der Anblick des jeweils aktuellen Journalismus – Fußball-Profis sagen routiniert: "Journaille" – muss selbstverständlich seit 200 Jahren äußerste Besorgnis erregen; das wusste schon Mark Twain. Aber darf man die Idee für ihre Inkorporierung verantwortlich machen? Der Kolumnist jedenfalls ist noch nie in seinem Leben einem Journalisten begegnet, der/die sich nicht zu den "Guten" gerechnet und sich über die "Schwarzen Schafe" der Branche erhoben hätte. Aus meiner Sicht handelt es sich allerdings, wie in vielen anderen Bereichen, um eine bis zum Horizont grau durchgefärbte Herde.

Was ist die Wahrheit?

Presse ist eine Vervielfältigungsmaschine, deren Betreiber sich selbst im Gegenlicht glitzern sehen als Schöpfer der Wirklichkeit, und die doch zugleich im Geiste umherkriechen als ihre gehorsamen Diener. Ja, ich will, sagt die unbedeutende Journalistin, eine bedeutende Journalistin werden. Nein, ich werde nie die Wahrheit verschweigen und die Unwahrheit sagen über das Ergebnis der Vorstandswahlen des Kleingartenvereins oder der Vorstandssitzung der Europäischen Zentralbank.

Wenn sie diese Worte in den goldenen Kelch hineingeflüstert hat und reinen Herzens war, wird sie erhoben werden zur Jungredakteurin für achtzehnhundert Euro brutto und man wird ihr sagen: Mach doch mal was für nächsten Montag über Hoeneß oder Magenkrebs oder Kreuzfahrtschiffe. Oh oh oh, seufzt die Kischpreis-Gewinnerin in spe, nun bin ich siebenundzwanzig Jahre alt und hatte eine Einskommanull im Deutschleistungskurs, und jetzt bin ich die Presse.

Wahrheit und Lüge

Die allgemeine Erwartung ist, dass die Presse die Wahrheit sagt und verbreiten soll. Das gilt selbstverständlich auch für die Wahrheit über Verbrechen und Strafe. Bloß: Was ist die Wahrheit?

Jeder, der einmal einer größeren Hauptverhandlung in einem Strafprozess beigewohnt hat, weiß, dass es schon schwierig ist, "die Tat", also das dem Angeklagten vorgeworfene Tun oder Unterlassen und die Folgen, vollständig aufzuklären. Das betrifft zunächst die äußeren, objektiven Geschehnisse und erst recht das innere Erleben, die Motivationslage und die Sichtweise der beteiligten Personen. Eine Aufklärung auch des gesamten "Hintergrunds" des Geschehens ist durchweg unmöglich: So viele Zufälle, Kausalitäten, Handlungsstränge gibt es, die vielleicht auf die Tat "zuliefen" und sie verständlich machen, deren Rekonstruktion aber außerordentlich schwierig ist.

Eine Berichterstattung kann und muss daher von vornherein eine (schmale) Auswahl von Fakten und Bewertungen sein, denn kein Leser oder Zuschauer interessiert sich für eine Abbildung der Wirklichkeit im Maßstab 1:1. Wer über die Anforderungen an eine solche Verdichtung nachdenkt, kommt auf ein relativ klares Programm:

  • Es müssen die handelnden Personen eingeführt, vorgestellt und in ihren (wesentlichen) Motivationen beschrieben werden;
  • Es muss das Tatgeschehen einschließlich seiner Folgen in seinen wesentlichen Zügen skizziert werden;
  • Es muss der Prozess, also das Verfahren dargestellt werden;
  • Es muss das Ergebnis des Prozesses mitgeteilt, gegebenenfalls bewertet werden;
  • Es muss dem Leser/Zuschauer eine "Botschaft" vermittelt werden, warum dieses Ereignis für ihn wichtig sein könnte, was er daraus lernt.

Experiment

Klingt einfach, ist in Wirklichkeit aber schwierig – wie vieles, was Journalisten tun. Wer’s nicht glaubt, versuche es probeweise. Nehmen Sie dazu nur, damit's einfacher wird, einen Tatort-Fall. Schreiben Sie 2.000 Zeichen (inklusive Leerzeichen, keines mehr). Geben Sie den Text einem Freund, der den Film nicht gesehen hat. Lassen Sie sich anschließend den Fall von ihm erzählen: Es wird ein Heulen und Zähneknirschen sein! 

Anleitung zur Wahrheit

Wie stellt man einen Täter (oder Beschuldigten) vor? Manche machen es dem Journalisten scheinbar leicht, da sie eine "öffentliche" Identität und (Selbst)Definition mit sich und vor sich tragen: Uli Hoeneß, Alice Schwarzer, Ingrid van Bergen, Thomas Middelhoff etwa, die über die bloße Aktualisierung ihres Außenbildes eingeführt werden können. Für die kurze Nachricht reicht das aus. Der Rest wird dann freilich umso schwieriger, denn das selbst und fremdzementierte öffentliche Bild entspricht, wenn man nicht gerade "El Chapo" Guzmán ist, selten dem Bild des Prominenten als Angeklagter. Also muss der Journalist ergründen (oder so tun), was "hinter der Fassade" wohnt. Da gibt es einige Grundtypen:

  • Typ Kachelmann/Hoeneß: Mr. Hyde. Abgründe aus Leidenschaft;
  • Typ Opfertäter: Furchtbarer Bösewicht entpuppt sich als gequälte Kreatur;
  • Typ Ewiger Verlierer;
  • Typ David Lynch: Unter dem Schein der Harmlosigkeit verbirgt sich die Harmlosigkeit des Scheins;
  • Typ Middelhoff: Eiskalt, undurchschaubar, Kosten-Nutzen-Analytiker;
  • Typ Unschuldig Verfolgter.

Bevor man loslegt, muss man dasselbe mit dem "Opfer" machen:

  • Typ Ewiger Verlierer;
  • Typ Kind/Frau;
  • Typ Selbst schuld (betrogener Betrüger);
  • Typ "Eigentlich" Schuldiger (perfider Provokateur);
  • Typ Anonym ("Sparer", "Rentner", "Steuerzahler");
  • Typ Jedermann (anonym, aber "von nebenan").

Proletkult-Gerichtsjournalismus

Nun benötigt man noch eine "Haltung". Meint: Der Journalist muss sich – sei es anhand des aktuellen Falls, sei es anhand allgemeiner Erwägungen, Weltanschauungen, Informationen – eine Vorstellung machen:

  • Vom Sinn des Strafrechts überhaupt;
  • Von Ablauf und Verantwortung im konkreten Fall;
  • Von seiner eigenen Position/Meinung zur Tat;
  • Von der Beweislage;
  • Von der Angemessenheit und Richtigkeit des Ergebnisses;
  • Von der Einordnung des Ergebnisses in die allgemeine Weltlage.

Wenn ich hier von "Grundtypen" spreche, bedeutet dies zum einen, dass die Aufzählung nur provisorisch ist, zum anderen, dass sich zahlreiche Mischformen finden.

Aus den genannten drei Menükarten kreiere der Kreative nun, nach einem Geheimrezept, das der Psychologe als "Persönlichkeitsstruktur", der Soziologe "Rolle" und der Chefredakteur als "inneres Feuer" bezeichnen mag, eine geeignete und dem Fall angemessen erscheinende Mischung. Auf wundersame Weise geraten als Gewürze des Gerichts noch hinein: Meinung des Leitenden Redakteurs, allerhand "Überzeugungen", persönliche Lebenserfahrungen, Aussichten auf Folgeaufträge, Stimmungslage daheim; Papas Beruf; Hobbies; dies und das. Oder könnten Sie, liebe Leser, jahrelang zwanzig Stunden am Tag Vollgas geben und jeden Ihrer Kunden wirklich mögen?

Nehmen wir an, die Sache läuft. Bald aber stößt der Journalist auf eine erste Hürde: Sämtliche Fälle geraten ihm/ihr immer gleich. Das macht die Sache zwar anfangs einfach, aber auf Dauer erstens falsch und zweitens schwierig. Denn es kann nicht sein, dass sich die Wirklichkeit des Verbrechens ausgerechnet die kleine Welt gerade dieses Redakteurs zum Vorbild genommen hat.

Nehmen Sie zum Beispiel die Berichterstattungen über denselben Fall, einerseits durch einen ordnungsliebenden Autor der Welt, andererseits durch eine justizkritische Autorin der Frankfurter Rundschau. Die Sache ist vorhersehbar. Das führt zu einer "Haltungs"-Berichterstattung, die sich nicht in einem "Stil" erschöpft und die man nicht eigentlich "falsch" und auch nicht "Lüge" nennen kann, die aber ungefähr so überraschend ist wie der nächste Kommentar zum Datenschutzrecht in der Süddeutschen Zeitung. Jeder Einzelfall gerät immer wieder zur Bestätigung desselben Weltbilds oder (Vor)Urteils: Die Urteile sind unverständlich milde oder unvertretbar hart; die Richter sind formal und lebensfern; Polizeizeugen "mauern"; Beamte sind langsam im Denken; und so weiter.     

Es gibt wunderbare, rührende, aber auch abstoßende Beispiele in unendlicher Fülle. Nehmen wir den Proletkult-Gerichtsjournalismus. Er ist in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts erfunden worden und lebt fort. Karl Marx und sein Essay über den Holzdiebstahl sind daran völlig unschuldig; vielmehr verdächtige ich Heinrich Zille. Es gibt den Proletkult aus dem Moabiter Kriminalgericht in zwei (Grund)Formen: "Verlierer" und "Arbeiterfaust". Letztere Version ist, zugegeben, etwas verblasst und wird nur noch von Mitgliederblättern ("Metall", "Strafverteidigerforum" und dergleichen) hochgehalten.

Erstere Version findet sich bis heute, gehen die Jahrhunderte auch dahin, auf den Seiten für "Vermischtes" und in der Lokalpresse. Sie ist der Gerichtsjournalismus von oben nach unten, also die unintelligenteste und verbreitetste Art. Angeklagte, Opfer und Zeugen werden hier mit Vornamen angeredet, die so authentisch sind wie "Lene" und "Hans" im nationalen Blättchen und vor dem Auge des Lesers durch ihre bloße Aufzählung aufscheinen als grelle Gestalten der Unterstadt: Ronny (22) schlägt Susi (39), die mit Maik (30) den, ähem, liebe Leser, Geschlechtsakt a tergo (3x) durchführt, worauf Irmi (61) unterstützt von Hannes (3,3 Promille) die Bratpfanne von Moni (17) … und so weiter und so fort, bis zur Erschöpfung der Nerven. Das Casting findet auf der Zuschauertribüne der Gerichtsshows statt und der wie immer "schmunzelnde" Journalist wendet sich, wie einst Papa Hesselbach, ab von all dem Pack, das sich schlägt und wieder verträgt.

Das glatte Gegenteil ist die Berichterstattung von unten nach oben, mit dem Dackelblick. Zur Einführung in den Fall erfolgt hier die Mitteilung, dass ein normaler Mensch ihn praktisch nicht verstehen könne: Alles extrem kompliziert. Wie könnte man dem Leser draußen im Land auch erklären, was eine "Untreue" ist? Stattdessen: Was sagen Sie zu Ihrer Verhaftung, Herr Zumwinkel? Wir können auch anders! Hier ist die Volontärin aus dem Ressort "Mode, Lifestyle, Neues" gefordert: Was sind das für Manschettenknöpfe? Gleich morgen wird sie es in Wiesbaden recherchieren. Vergleiche auch die Schuhe von Middelhoff mit denen des Beisitzers! Wem schenkte die Beschuldigte Alice Schwarzer heute ihr bezauberndes Lächeln? Wann werden wir die große alte Dame des Wallegewands, resozialisiert, im Dschungelcamp erleben dürfen?

Der Leser denkt: Ach Gott, der Promi hat’s auch nicht leicht. Was er wohl getan haben mag? Die Presse antwortet: Ja, wer kann das wissen! Vorerst gilt einmal so was wie Unschuldsvermutung! Ein Schaden soll entstanden sein. Herr Staatsanwalt, bitte sehr, hier, das Mikrofon! Liebe Zuschauer! Der Angeklagte, heute fuhr er vor. Der Starverteidiger, er schwieg. Der Richter, er unterbrach die Sitzung. Damit zurück nach Mainz. 

Und dann gibt es noch die ganz große Form. Sie soll hier nur gestreift werden, da sie wenigen Auserwählten vorbehalten ist. Gerhard Mauz, verstorbener "Gerichtsreporter" des Spiegel, schrieb – gefühlt – in seinem letzten Jahrzehnt das Wort "Gesetz" gar nicht mehr. Er sagte vielmehr: "Regel, die Gesetz zu nennen wir übereingekommen sind." Ja, da wehte der Atem der Ewigkeit über dem Fall und der Leser wusste wieder: Hier geht es nicht um den Mörder X oder die Vergewaltigte Y. Es geht immer und nur um den Menschen an sich und sein Dahingeworfensein in die Welt (riders on the storm/ riders on the storm / into this house we're born/ into this world we're thrown/ like a dog without a bone / an actor out alone/ riders on the storm). Und um die Kartoffel, die Pommes rotweiß zu nennen wir übereingekommen sind.

Welche Qualifikation benötigt ein Journalist?

Auch das wirkt nach. Die die ganz großen Geschichten schreiben, bewegen sich auf einem innenbeleuchteten Grat zwischen Fall und Literatur. Sie kriechen in die Gehirne der Mörder,  Psychiater, Verteidiger und Richter und wissen über diese fast alles.  Über sich selbst und die Gefahren wenig. Recherchen, für die andere, weniger Große, Wochen bräuchten, erledigen sie in wenigen Stunden und mit dem Röntgenblick des Wissenden. Der Stress, der Stress! Bin grad auf dem Sprung!

Auch das hat Methode. Auch sie ist infiziert vom Virus der Sensation und von der Seuche der Selbstüberholung. Die "Beschleunigung" und den "Zwang zur Sensation" kritisiert der Journalist schon ab dem 22. Lebensjahr im Schlaf, wenn er nicht für doof gehalten werden will. Also so ähnlich wie der Broker, der die Geschwindigkeit des neuen Intel-Chips im Computerhandel beklagt: Mein Gott, was soll nur aus meinen kleinen Essen beim "Lieblings"-Italiener werden? Der oder die Einzelne kann nichts dafür. Aber alle machen mit, und jammern zugleich. Wie in der Justiz. 

Ob große, mittlere oder kleine Form: Die "Haltungs"-Falle wirkt, wenn sie wirkt,  überall gleich verheerend. Wer als Journalist einmal wieder einen richtig krachenden Fall richterlicher oder staatsanwaltschaftlicher Gnadenlosigkeit und Borniertheit gegenüber dem Elend der Welt beschreiben möchte, findet sein Abziehbild, garantiert, an einem Verhandlungstag im Amtsgericht. Wer das Gegenteil sucht, ebenfalls. Wer die Lügenmotive von Opferzeugen demonstrieren will, berichtet über schlechte Gutachter, und wer das Leid von Opfern beklagten möchte, ebenfalls.

Glauben Sie, liebe Interviewpartner, nie einem Journalisten, der Ihnen sagt, es gehe um Jetzt oder Nie. Das ist wie beim Ermittlungsrichter. Sagen Sie deshalb:  Da muss ich doch noch mal intensiv nachdenken.

Presse und Qualität

Welche Qualifikation benötigt ein Journalist, der die Seite "Natur und Technik" übernimmt? Was muss gelernt haben, wer über die Zinsentscheidung der EZB oder den Börsenwert von VW berichtet? Und was muss aufbieten, wer dem Volk das Strafrecht offenbart?

Hier empört sich das Herz nicht allein des Kolumnisten, sondern jedes Sachkenners. Das ist kein bisschen zynisch gemeint. Nicht gemeint ist eine Fachkenntnis, die nur gelernten Chirurgen erlaubt, über Lebertransplantationen zu berichten, oder nur studierten Geologen über einen Vulkanausbruch in Peru.  Nein, ich meine etwas Diesseitigeres. Der Angeklagte, so lesen wir jede Woche hundertmal, hat gegen das Urteil des Amtsgerichts "Widerspruch" erhoben. Der wegen Mordes Verurteilte wird "in Berufung gehen". Was wir lesen ist: Einfach die pure, vollständige Unkenntnis des Gegenstands, über den man schreibt.

"Presse" ist die wöchentlich zahllos wiederholte Vorführung von glatt gesetzeswidrigen Formen, Meinungen, Abläufen. Es würde nichts kosten und kein Drehbuch schlechter machen, würde die Wahrheit dargestellt:

  • Deutsche Kriminalbeamte schlagen Beschuldigte nicht andauernd, erpressen keine Geständnisse, unterlassen nicht notorisch alle Belehrungen, missachten auch nicht alle Regeln;
  • Deutsche Staatsanwältinnen bewohnen nicht durchweg Luxusvillen, haben ihr Büro nicht in den Räumen der Mordkommission, mischen sich nicht in alles ein und sind auch nicht immer die Geliebte des Staatssekretärs;
  • Und Deutsche Strafrichter führen Verhandlungen nicht, indem sie arme Opfer und unschuldige Mütterchen zusammenscheißen, aus dem "Schönfelder" vorlesen und tiefe Blicke mit der blonden Staatsanwältin wechseln.

Ich sage das keineswegs aus Protest gegen die Albernheit der Hafenkante – diesen Schmerz hat man hinter sich. Wer meint, er müsse bei der Agentur von Simone Thomalla nachfragen, ob sie ihm nicht helfen wolle, den satanischen Lippenaufspritzer von München zu finden, möge das tun. Wir ZEIT-Leser wissen, dass ein Tatort, in dem das Verfahren wegen Nichterweislichkeit des Tatvorwurfs eingestellt wird, nicht kommen wird.

Es geht vielmehr um ein Minimum an Sachkunde, das – jenseits der mehr oder minder künstlerischen Fiktion – als selbstverständlich angesehen werden müsste, um über Fragen, Prozesse, Inhalt und Folgen des wirklichen (!) Strafrechts öffentlich zu berichten und sich dabei ohne Scham "Journalist/in" zu nennen. Das Niveau, das die deutsche Presselandschaft bietet, ist ziemlich niedrig. Ich behaupte dies, obwohl ich weiß, dass auch Mediziner, Historiker oder Physiker dieselbe Klage führen, und ich ahne, dass diese Klage auch zutrifft.

Manches – um nicht zu sagen: Vieles – ist schon bemerkenswert uninformiert; es fehlen schon Grundkenntnisse des Gegenstands. Man könnte sagen (und sagt es in zu vielen Redaktionen leider zu oft): Merkt ja keiner. Aber erstens stimmt das nicht, und zweitens hat es Auswirkungen.

Wer im Deutschen Fernsehen "Schalke Nullfünf" sagt, ist raus aus dem Rennen. Wer ein Hoch mit einem Tief verwechselt in der lustigen Wettershow, oder Frauke mit Wolfgang Petry beim Musikantenstadl, oder Aserbaidschan mit Usbekistan bei der Euro-Hitparade, darf ab morgen früh, wenn der Intendant ausgeschlafen hat, wieder Recherche machen für die Kollegen an der Kamerafront.

Nachrichten an sich sind wie Keime in der Luft

Wer aber berichtet, der in Hannover verurteilte Mörder habe in Hamburg "Einspruch" gegen das Urteil eingelegt, diese "Berufung" aber sei – nach Ansicht  des einzigen in Deutschland lebenden Kriminologen aus Niedersachsen, der wie immer zufällig gerade hierzu "eine Studie gemacht" hat – ohne Aussicht auf Erfolg …, wird zur Strafrechtsversteherin des Jahres gewählt. Ein Journalist, der über einen schweren Raub berichtet, muss in der Praxis offensichtlich nicht wissen, was den Raub vom Diebstahl und von der Erpressung unterscheidet. Das Wort "Vergewaltigung", ein gesetzlicher terminus technicus, erschließt sich zahllosen Gerichtsreportern auch nach 20-jähriger Tätigkeit ebenso wenig wie "Fahrlässigkeit", "Vorsatz" oder "Versuch"; vielmehr berichten sie über jeden Einzelfall, als habe "der Richter" dies so oder so erfunden, oder als sei der Begriff heute wieder mal besonders "formal", weil die arme Angeklagte Frau X sich doch bloß wehren wollte, als sie ihren Ehemann erstach.

Das ist ungefähr so, als berichte die "Medizinseite", Professor Brinkmann habe den vermutlichen Lungentumor durch sofortige Herauspräparierung der Achillessehne bekämpft, der Patient sei aber trotzdem wegen einer schlagartigen venösen Insuffizienz, äh, ins Koma gefallen, wo ihn seither die Kommission für pränatale Kunstfehler unter Beobachtung halte. Liebe Zuschauer, wir bleiben dran. Auch Kenntnisse des Prozessrechts – also jener Regeln des Verfahrens, das die "Abrechnung" mit dem Verbrechen erst zu einer rechtsstaatlichen  Veranstaltung macht –, sind bei vielen Journalisten nicht vorhanden.

Das klingt, liebe Leser, jetzt ein bisschen verbittert. Ist auch so gemeint. Das bedeutet nicht schon: überheblich. Die Sache ist schwieriger, als der Laie und auch der auf ein Fachgebiet fixierte Profi es sich vorstellt. Trotzdem muss man darauf bestehen: Grobe Desinformationen, bedenkenloses Laiengerede oder scheininformiertes bloßes "Meinen" sind peinlich und ärgerlich. Denn das Recht im Allgemeinen und das Strafrecht im Besonderen haben einen viel höheren Stellenwert, viel mehr Zuwendung und Zuneigung verdient: Nicht wegen ihrer angeblichen Menschenferne, sondern wegen ihrer tatsächlichen Menschennähe.

Jetzt aber!

Zuletzt hörten wir, die Presse habe "gelogen", weil sie die Nationalität von Beschuldigten nicht (oft genug) genannt hat. Ein absurder Vorwurf! Und noch alberner, dass die Journalistenverbände sogleich geschworen haben, ihre "Kodexe" zu ändern, damit in Zukunft auf keinen Fall mehr "manipuliert" werden könne! Das nenne ich: kollektives Einknicken vor "der Straße", ihr Helden der Washington Post!

Ich fordere daher aus Rache, dass ab sofort wahrheitsgemäß darüber berichtet werde, welche Betrüger impotent, welche Kindesmisshandlerinnen bulimisch und welche Drogenverkäufer Analphabeten sind! Der Leser kann außerdem unmöglich die Wahrheit erkennen über schwere Körperverletzungen an Frauen, wenn ich die Zahl der Sexualpartner der Opfer und ihre Blutalkoholkonzentration nicht erfahre!! Wieso wird unterschlagen, wie hoch die Konsumkredite der Familien jedes einzelnen wegen Volksverhetzung Beschuldigten sind? Wie viele Mitglieder seiner Familie Alkoholprobleme haben?

Anders gesagt: Für die Zwecke der Kriminalstatistik, des Ausländerrechts, des Städtebaus, der Sozialhilfe, der Pädagogik und der Kriminologie ist es außerordentlich wichtig zu erfahren, wie hoch der Anteil junger ausländischer Männer an der Gesamtheit der Straftaten junger Männer in Deutschland ist. Für die Zwecke der Information der Bevölkerung darüber, dass Raub, Diebstahl oder Vergewaltigung strafbar sind, ist es aber vollständig gleichgültig. Wer das Gegenteil behauptet, projiziert "sein" erwünschtes Ergebnis auf eine scheinbar objektive Ebene. Er möchte gern lügen, und beschwert sich, dass man ihm das Material dazu nicht liefert.

Zwischenergebnis

Halbzeit. Was lehrt uns das alles? Dass es Wahrheit gibt, und Lüge. Aber in vielen Schattierungen, in vielen Wirklichkeiten, in vielen Dimensionen. Presse ist weder auf eine beschränkt noch auf eine beschränkbar: Wer das behauptet – lügt. Wenn es also heißt, Presse habe "die Wahrheit" zu sagen, dann ist das eine ziemlich vertrackte Forderung an das Schicksal, an die Gesellschaft und nicht zuletzt an sich selbst: "Wahrheit" entsteht nicht da draußen in der Kälte, wie Banane, Fruchtsorbet oder Ergebnisse von Bundesligaspielen, und hat uns gefälligst geliefert zu werden. Wahrheit und Lüge sind vielmehr ein Teil von uns selbst. Nachrichten an sich sind wie Keime in der Luft: Erst in einer Petrischale formt sich der Bakterienteppich.

Deshalb sind wir Leser vielleicht für die Journalisten genauso verantwortlich wie sie für uns. Wenn und weil wir es sind, dürften wir ihnen nicht so viel durchgehen lassen.

Bleiben Sie also ruhig und freundlich.

Nächste Woche: Medien III: Der Blick der Presse auf die Strafe