Im Fall des getöteten Flüchtlingsjungen Mohamed wird die Berliner Polizei beschuldigt, die Ermittlungen verschleppt und nachlässig durchgeführt zu haben. Nach Informationen des Spiegel hätten die Beamten nach dem Verschwinden des Jungen im Oktober vorrangig gegen die Familie ermittelt, statt intensiv nach dem 4-Jährigen zu suchen. Das Magazin beruft sich dabei auf die etwa 3.000 Seiten umfassenden Ermittlungsakten. 

Am Tag nach der Entführung sei "nicht zweifelsfrei" festzulegen gewesen, "ob es sich tatsächlich um einen Vermisstenfall oder vielmehr um Familienstreitigkeiten handelte", heißt es in den Akten. Die Beamten hatten die Familie aus Bosnien außerdem im Verdacht, die Entführung vorgetäuscht zu haben, um die bevorstehende Abschiebung zu verhindern. Insofern sei "zunächst von weiteren Maßnahmen abgesehen" worden.

Mohamed war am 1. Oktober 2015 vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) entführt worden. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich mit seiner Mutter und zwei Geschwistern auf dem Gelände des Lageso befunden. Erst drei Tage später seien die Ermittlungen weitergegangen, geht aus den Akten hervor. Videoaufnahmen, die zu dem Tatverdächtigen führten, fanden die Ermittler demnach 20 Tage später. Weitere fünf Tage seien vergangen, bis das Material ausgewertet war.

Insgesamt war der Junge knapp vier Wochen verschwunden, bevor die Polizei einen Fahndungserfolg verkünden konnte. Ein 32-jähriger Mann aus Brandenburg gestand den sexuellen Missbrauch und Mord an dem Flüchtlingsjungen. Auch den 6-jährigen Elias aus Potsdam hatte er entführt und getötet. Das Geständnis kam zustande, weil die Mutter des Mannes sich bei der Polizei gemeldet hatte.

Ein Polizeisprecher widersprach allerdings den Vorwürfen, die Ermittlungen verschleppt zu haben. Die Familie sei nie Beschuldigter im Verfahren gewesen. Die Mutter habe aber zunächst mehrfach zu den Umständen von Mohameds Verschwinden gelogen.

Doch auch in einer bislang unveröffentlichten Schriftlichen Anfrage der Grünen ist die Rede davon, dass die Polizei zunächst von einer vorgetäuschten Entführung durch die Familie ausgegangen sein soll. "Grundlage für die Aufnahme der Ermittlungsarbeit durch die Polizei Berlin war die von der Kindesmutter erstattete Vermisstenanzeige", heißt es in der Antwort der Berliner Senatsverwaltung für Inneres. "Zu Beginn der Ermittlungsarbeit lagen keine konkreten Anhaltspunkte vor, die deliktische oder nicht-deliktische Ursachen für das Verschwinden des Mohamed in den Vordergrund gerückt hätten."