ZEIT ONLINE: Herr Gunkel, Sie haben unter anderem bis 2004 die Polizeidirektion in Bautzen geleitet, wo am Wochenende eine Flüchtlingsunterkunft gebrannt hat. Sie waren ab 2005 Polizeipräsident in der Oberlausitz. Ist die sächsische Polizei wirklich auf dem rechten Auge blind?

Wolfgang Gunkel: Nein. Vorfälle gibt es zwar reichlich, die hab ich aber auch in meiner 33-jährigen Dienstzeit in Berlin erlebt. Solche Vorwürfe kommen immer dann auf, wenn der normale Bürger eine Entscheidung nicht nachvollziehen kann. Grundsätzlich war die Maßnahme in Clausnitz richtig: Die Polizisten haben eingeschätzt, dass sie gegen die 100 Störer nichts ausrichten können. Deshalb mussten sie sich auf die "Nicht-Störer", also die Flüchtlinge, konzentrieren und die in Sicherheit bringen, obwohl das ihre Rechte einschränkt hat. Die Art und Weise, wie die Polizisten die Flüchtlinge aus dem Bus gezerrt haben, war natürlich trotzdem nicht in Ordnung. Das muss untersucht werden und wird auch Konsequenzen haben.

ZEIT ONLINE: Welche Erfahrungen haben Sie im Kampf gegen Rechtsextreme in Sachsen gemacht?

Gunkel: In den fünf Jahren als Direktionsleiter in Bautzen ist kein Anschlag passiert, aber ich hatte auch Glück. Man kann nicht jede Brandstiftung verhindern. Ich hatte damals meine Staatsschutzabteilung beauftragt, Taten mit rechtem politischen Hintergrund speziell zu markieren und mir direkt vorzulegen. Das machen viele andere auch so. Wir wussten, dass sich beispielsweise im Bautzener Stadtteil Gesundbrunnen Rechtsradikale in bestimmten Jugendclubs konzentrieren. Da sind wir immer wieder rein, haben die durch ständige Kontrollen verunsichert.

Außerdem hatten wir einen Sozialarbeiter, der eng mit der Polizei zusammengearbeitet hat. Er hat vor allem die Mitläufer angesprochen. Der war sehr erfolgreich und konnte einige Jugendliche in eine positive Richtung drehen. Das ist eine schwere, gefährliche Arbeit. Die Aussteiger müssen noch lange betreut werden, weil der harte Kern der Szene sich rächen könnte. Wir haben vor Jahren sogar mal einen Preis dafür gewonnen.

ZEIT ONLINE: Was hilft also? Mehr Sozialarbeiter, mehr Präventionsarbeit? Sachsens Ministerpräsident Tillich hat jetzt solche Projekte angekündigt.

Gunkel: Ja, viele gute Programme gegen Rechtsextremismus oder solche, die den Jugendlichen eine ordentliche Diskussionskultur beibringen, gab es aber schon. Sie sind nur nicht verlängert worden. Auch die weitergeführten Programme wurden von den CDU-Politikern erschwert beziehungsweise verhindert. Diese Programme müssen schnell wieder mehr Geld bekommen, am besten gleich mit einem Nachtragshaushalt.

ZEIT ONLINE: Und mehr Polizei? Tillich hat auch mehr Polizisten versprochen. Statt 400 Polizeianwärtern soll es bald 500 pro Jahr geben, außerdem sollen mehr Wachmänner ausgebildet werden.

Gunkel: Ja, das ist richtig. Aber viele Bürgerpolizistenstellen, so heißen hier die Kontaktbeamten, sind auf dem Land stark ausgedünnt worden. Gerade in Clausnitz zum Beispiel, hart an der tschechischen Grenze, entsteht so leicht das Gefühl: Hier gibt es keine Kontrolle. Kleine Örtchen gründen eigene Bürgerwehren, das wollen wir nicht. Aber die Polizeiausbildung dauert drei Jahre. Ich wäre dafür, vorsichtig zu prüfen, ob man die Ausbildungszeit für eine Weile auf zwei Jahre reduzieren kann. Statt drei Praktika nur noch eins, zum Beispiel. Weniger Theorie.

ZEIT ONLINE: Was haben sie denn damals mit den Politikern erlebt, wenn es um Rechtsradikale ging?

Gunkel: Wenn ich über geplante Maßnahmen gegen Rechtsextremismus gesprochen habe, wurde ich von einem  Landrat im Niederschlesischen Oberlausitzkreis schon mal ermahnt: Wir sprechen nur von Extremismus. Da habe ich dann gesagt: Geben Sie mir bitte eine Lupe, damit ich in unserem Bereich einen Linksextremisten finde.

ZEIT ONLINE: Heute sind sie selbst Politiker, bei der SPD. Was empfehlen sie den sächsischen CDU-Kollegen noch, neben mehr Prävention und Polizisten?

Gunkel: Sie müssen auch eine neue Sprache in ihren Stellungnahmen finden. Deutlich sagen: Wir haben es bei Pegida nicht mit unbescholtenen Bürgern, sondern mit Rechtsextremen zu tun. Die Leisetreterei muss aufhören. Auch beim Verfassungsschutz in Sachsen muss nachgebessert werden.

ZEIT ONLINE: Apropos unbescholtene Bürger. Sind die Sachsen eher bereit, Rechtsextreme zu dulden als beispielsweise die Berliner?

Gunkel: Ich kenne so viele Sachsen, die sich geradezu leidenschaftlich für Flüchtlinge einsetzen. Ich muss auch meine damalige Stadt Bautzen verteidigen. Ich wusste damals genau, wo die Rechten sitzen, aber das war beileibe nicht die große Masse. Auch heute nicht. Gleich nach dem Brand ist der Bürgermeister vor Ort erschienen. Da standen rund 20 besoffene Jugendliche, die gegrölt haben. Nur zwei von denen haben die Feuerwehr behindert und sind von der Polizei vorläufig festgenommen worden. Natürlich sind das zwei zu viel, aber insgesamt sind es wenige und sie stehen nicht für den normalen Bautzener Bürger.