Am fünften Tag des Prozesses gegen Eren T. und Daniel M. lässt ein Justizwachtmeister im Gerichtssaal die Jalousien herunter, es wird dunkel im Raum. Die Richterin will Fotos zeigen lassen. Die Anwälte, der Staatsanwalt, Richter, Schöffen und Gutachter versammeln sich vor einer Leinwand, die mit dem Rücken zu den Zuschauern aufgestellt ist. Sie ist dünn, fast durchscheinend. Von einigen Plätzen aus, die sich direkt hinter der Leinwand befinden, kann man schemenhaft erkennen, was auf den Fotos zu sehen ist.

Die Kamera erkundet ein Waldstück. Es ist Winter, der Boden ist mit Laub und Schnee bedeckt. Die Kamera zoomt an Gegenstände heran, die im Laub liegen: ein Schlagstock, ein Brotmesser, ein Benzinkanister. Dann ist da etwas Langes, Dunkles, eine menschliche Gestalt, die auf dem Boden liegt. Die Gesichter der Zuschauer direkt vor der Leinwand sind in deren Widerschein deutlich zu sehen. Jeder, der die Szene beobachtet, muss bemerken, dass sie sich beim Betrachten des Tatort-Videos um Fassung bemühen.

Eren T. und Daniel M. sind sitzen geblieben. Eren T. ist 20 Jahre alt, schmal und blass, ein auffallend hübscher Junge mit dichten dunklen Locken. M. ist ebenfalls erst 20, ein bulliger Mann mit kurz rasierten Haaren, seine Handrücken und der Hals sind tätowiert. M. guckt auf die Leinwand, Eren T. starrt ins Leere.

Vor der 13. Großen Jugendstrafkammer des Berliner Landgerichts sind die beiden wegen Mordes angeklagt. Im Januar 2015 sollen sie gemeinsam Eren T.s Exfreundin Maria P. umgebracht haben. Sie war im 9. Monat schwanger von T., auch das Kind starb. Der Mord hat viel Aufsehen erregt, weil er so bestialisch war: Die beiden Männer lockten die junge Frau in einen Wald im Osten Berlins, schlugen sie mit einem Schlagstock und stachen ihr mit einem Messer in den Bauch. Dann übergossen sie sie mit Benzin und zündeten sie an. Maria P. musste sterben, weil Eren T. das Kind nicht wollte. Daniel M. war nur eine Art Gehilfe. So sieht das der Staatsanwalt.

Wie kommt einer auf die Idee, eine Schwangerschaft könnte ein so großes Problem darstellen, dass es durch einen Mord aus der Welt geschafft werden muss? War Eren T. nur wütend, weil Maria P. sich geweigert hatte, das Kind abzutreiben? Oder fühlte er sich auch von seiner Familie unter Druck gesetzt? Warum rastet einer so aus, dass er eine Frau ermordet?

Es ist eine schwierige Aufgabe für das Gericht um die erfahrene Jugendrichterin Regina Alex, sich ein Bild davon zu machen, was im Kopf von Eren T. vorgegangen sein könnte. Er will in dem Prozess nichts sagen. Auch Daniel M. schweigt. Beide beschuldigen sich gegenseitig. "Diese Strategie wird ihnen aber nichts bringen", hofft der Rechtsanwalt Roland Weber, der die Familie von Maria P. als Nebenkläger vertritt.

Eren T. ist für die Gutachterin ein rätselhafter Fall

Schon als die Verhandlung im Oktober 2015 beginnt, ist bei den Richtern ein Befremden über Eren T. zu spüren. Jugendstrafkammern sollen auch erziehen; sie sind gerne bereit, sich in junge Angeklagte einzufühlen. Eren T. aber macht jeden Anflug von Verständnis oder gar Mitgefühl unmöglich. Selbst als eine Brandsachverständige vorträgt, Maria P. sei noch bei Bewusstsein gewesen, als sie in Flammen stand, sei sogar noch ein paar Schritte gelaufen und habe versucht, sich aus der brennenden Jacke zu befreien, sitzt T. da, als hätte er mit all dem hier gar nichts zu tun.

Vor dem Prozess haben Psychologen die beiden Angeklagten in der Untersuchungshaft besucht. Beide sind schuldfähig, für ihr Alter allerdings unreif. Sie können daher damit rechnen, nach Jugendstrafrecht verurteilt zu werden. Die Höchststrafe ist zehn Jahre Haft. Erst seit Kurzem ist es möglich, die Strafe bei einer besonderen Schwere der Schuld auf bis zu 15 Jahre zu erhöhen, aber Jugendgerichte nutzen diese Möglichkeit selten.

Über Daniel M., dessen Vater Alkoholiker war, sagt der Gutachter, er sei ein schwer gestörter Mann. Paranoide Züge, sehr aggressiv. Beziehungsgestört, obwohl er mit seiner Freundin bereits zwei Kinder hat. Als der Mord geschieht, ist sie gerade zum zweiten Mal schwanger; sie hält bis heute zu ihm. Schon öfters hat Daniel M. wegen Diebstählen und Prügeleien vor Gericht gestanden. Gewalt gebe ihm "einen Kick", weil er sich meistens leer fühle. Er ist so etwas wie der typische Gewalttäter.

Eren T. dagegen ist für seine Gutachterin, die Berliner Psychiaterin Dagny Luther, ein rätselhafter Fall, so aufgeräumt wirkte er in stundenlangen Gesprächen auf sie. Allzu intelligent sei er nicht, aber auch nicht kalt und brutal. Bei den psychologischen Tests erscheine er ganz normal. Für die Tat, zu der er nicht allein in der Lage gewesen sei, habe er sich einen Gehilfen gesucht. Es sei sehr ungewöhnlich, dass jemand wie Eren T. einen Mord begeht, sagt Luther.

Eren T. ist in Berlin geboren, er hat einen türkischen Pass. Seine Familie stammt aus einem Dorf in der Osttürkei, sie sind Kurden und leben in dritter Generation in Berlin. Der Großvater kam als Gastarbeiter nach Deutschland und holte Eren T.s Vater Hüseyin als Kind nach. Hüseyin T. hat dann eine Cousine geheiratet. Ihr Deutsch ist bis heute so schlecht, dass in der Familie nur Türkisch gesprochen wird.