Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Heute, liebe Leser,

folgt der Abschluss meiner kleinen Serie über "Presse und Strafrecht". Selbstverständlich ist sie nicht erschöpfend. Offenkundig ist, dass der Begriff "Presse" keine quasi-wissenschaftliche Zuschreibung ist, keine Analyse von Verantwortlichkeiten und auch keine empirisch abgesicherte Behauptung. Ich spreche vielmehr so pauschal von "der Presse", wie die Presse von "der Justiz" spricht. So viel (vorläufige) Verallgemeinerung muss erlaubt sein – zumal im Format dieser Kolumne.

Strafen und Belohnen

Fangen wir beim Grundsätzlichen an. "Strafe muss sein", meint die freie Presse. Früher, vor 80 Jahren und dann wieder vor 40 Jahren, gab es in der öffentlichen Diskussion auch noch andere Meinungen. Sie behaupteten, Strafe in dem heute verstandenen Sinn sei eher soziales Übel denn heilende Macht. Oder sie fragten, was unter "Strafe" überhaupt zu verstehen sei. So etwas läuft heute – wahlweise – unter "Exotisches"/Spinnerei, "Nostalgie" oder unter "Gutmenschentum" (ein Begriff, den die Frontrunner der Presse heute so heftig verachten, wie sie ihn bis vor Kurzem treffend fanden).

Strafe steht in der Presse und (daher) in der öffentlichen Meinung da wie ein Solitär, eine einsame Felsennadel im nebligen Meer des Sozialen. Strafe ist Strafe ist Strafe. Dem Zahnweh ähnlich, oder dem Klimawandel, also unausweichlich, alternativlos, kontextlos.

Jedoch erinnern wir uns: Zur Strafe gab es früher einen Gegenbegriff. Er hieß "Belohnung". Beide Begriffe zusammen (oder jedenfalls gemeinsam) entstammen einem weithin als unerforscht geltenden Wissensbereich, der sich durch eine phänomenale soziale Durchdringungsquote von 100 Prozent auszeichnet: Pädagogik / Erziehungswissenschaften / Lerntheorie / Sozialkram. Schon die Anzahl der Schrägstriche spricht dafür, dass hier Alle Alles wissen, jeder aber ein anderes. Die Erziehung des Menschen ist – insoweit vergleichbar der Trainingstheorie des DFB-Fußballlehrers – ein Ding, über das eine jede und ein jeder ein Meinung hat. Selbst Menschen ohne jegliche erkennbare Erziehung sind sich sicher, dass sie 1) wissen, wie es geht, und 2) ihre eigene Erziehung als im Ergebnis geglückt bezeichnet werden dürfe.

Zum Glück gibt es, zumal in Deutschland, eine millionenstarke Gruppe von Einheimischen, denen die Soziale Pädagogik mehr ist als der verzweifelte Blick auf die verzogenen Gören der besten Freundin oder die querulatorische Sprengung jedes Elternabends. Ich spreche von den Hundefreunden, speziell den Millionen Enthusiasten der Begleithund-, Schutzhund-, Jagdhund-, auf keinen Fall aber der Kampfhundausbildung. Fußnote: "Kampfhunde", liebe Kinder, sind sagenumwobene Wesen aus der Frühzeit des Journalismus. Vor zwanzig Jahren zerfleischten sie täglich einen deutschen Menschen auf dem Altar ihres grausamen Gottes "Pitbull". Die Qualitätspresse hat sich dem Problem drei Jahre lang gestellt und keinen einzigen Kampfhund unporträtiert gelassen. Sie sind seither vor lauter Schreck ausgestorben.

Zurück zum Thema: Wie lernt der Deutsche Schäferhund, dass er den Araber beißen soll, nicht aber die Omi? Ja, wenn das so einfach wäre! Zuvor sind viele Hundert Stufen einer kontinuierlichen Aufwärtsentwicklung des besten aller Freunde des Menschen vom schuhzerkauenden, blumenvasenzerstörenden, urinverspritzenden Monster zu Papas Liebling zu absolvieren: Sitz! Platz! Aus! Hol! Spiel! (Früher unabdingbar, aber im Zeitalter des Guthundetums zurückgetreten: Fass!). Wie kriegt man das hin? Auch hier wieder: Einst und Jetzt. Einst schlugen wir sie. Wir würgten sie mit Kettenhalsbändern. Wir traten sie in die Beine. Wir banden ihnen Elektroschocker mit Fernbedienung um. Wir nahmen sie am lockeren Fell und schüttelten sie. Wir lernten begeistert die Theorien der Dominanz, die Pfiffe der Schäfer, die Befehle der Jäger.

Heute: Knochenerweichter Feminismus auch hier. Der Deutsche Schäferhund, genmanipuliert, ist ein plüschiger Selbstbestäuber geworden: Es gibt keine Rüden mehr. Da fletscht nichts mehr, da springt nichts mehr an, da findet der Pitbull seinesgleichen nimmermehr. Kurz gesagt: Der deutsche Hundefreund ist vom Hundetreter zum Hundebelohner geworden. Was er seinen Kindern nicht glaubte, als sie ihn, Jahr um Jahr, höflich baten, sie ein wenig zärtlicher zu schlagen und zu strafen: Seinen Hundetrainern glaubt der Deutsche wie seinen Fernsehköchen, also onerschötterlech.

Die Lange Nacht der ZEIT - Thomas Fischer im Gespräch mit Sabine Rückert und Jochen Wegner Thomas Fischer, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof, hat mit Sabine Rückert, stellvertretende Chefredakteurin bei der ZEIT, und Jochen Wegner, Chefredakteur bei ZEIT ONLINE, über die Lügenpresse, Flüchtlinge und das Strafrecht gesprochen.