Bei einem schweren Erdbeben im Süden Taiwans sind mindestens fünf Menschen ums Leben gekommen, darunter ein erst zehn Tage alter Säugling. 378 weitere Menschen wurden verletzt in Krankenhäuser gebracht, wie die Behörden berichteten. Eine große Rettungsaktion ist angelaufen. In Tainan blieben die vielen kleineren Häuser der Zwei-Millionen-Metropole unbeschädigt, doch wurden mehrere höhere Häuser schwer beschädigt oder stürzten ein. Ein 16-stöckiges Wohngebäude kippte komplett auf die Seite.

Erste Befürchtungen der staatlichen Nachrichtenagentur CNA, dass darin "möglicherweise Hunderte Menschen" verschüttet wurden, bestätigten sich nicht. In dem Wohnhaus waren etwa 200 Menschen. Bis zum Morgen konnten schon 123 lebend gerettet werden. 30 Bewohner steckten am Vormittag noch fest und warteten auf Rettung. Unter den Toten in dem Haus ist ein weiblicher Säugling und ein 40-jähriger Mann. An einem anderen Ort in Tainan wurde eine 56-jährige Frau von einem herabfallenden Wassertank erschlagen, wie ein Mitarbeiter des Notfallzentrums der Deutschen Presse-Agentur berichtete.

CNA berichtete, dass Passanten auch durch herabfallende Trümmer verletzt worden seien. Eine Serie von Nachbeben erschreckte die Anwohner weiter. Das Tsunami-Warnzentrum für den Pazifik teilte mit, es bestehe keine Gefahr einer Riesenwelle.

Taiwaner im Schlaf überrascht

Die Erdstöße erreichten nach Angaben der US-Erdbebenwarte die Stärke 6,4 und rissen die Taiwaner kurz vor 4 Uhr Ortszeit aus dem Schlaf. Das Beben war auf der ganzen Insel zu spüren und überraschte auch Superstar Madonna und ihre Musiker, die auf ihrer Rebel Heart Tour in Taiwan sind. Ihr Manager Guy Oseary schrieb aus dem 350 Kilometer entfernt gelegenen Taipeh auf Instagram: "Erdbeben hier in Taipeh. Vier Uhr früh...Wir sind alle OK... Hoffe, dass es vorbei ist." Am Samstagabend ist ein zweites Konzert von Madonna in Taiwans Hauptstadt geplant. Aus der Metropole wurden zunächst keine Schäden gemeldet.

Das Epizentrum des Erdbebens lag in Meinong nahe der Hafenstadt Kaohsiung. Die Gegend ist dicht besiedelt. Allein in Kaohsiung leben 2,8 Millionen Menschen. Mehr als 1.200 Feuerwehrleute und Soldaten waren in der Dunkelheit mit Scheinwerfern und Taschenlampen im Einsatz, um Verschütteten zu helfen. Bis Sonnenaufgang konnten viele Überlebende gerettet werden. Auf TV-Bildern des Senders EBC war zu sehen, wie sie mithilfe von Leitern, Kränen und anderer Ausrüstung Überlebende aus den Trümmern zogen. Dabei seien die Einsatzkräfte inmitten von verbogenen Beton- und Metallteilen auf Bewohner gestoßen, die offenbar benommen wirkten, jedoch unversehrt waren, hieß es.

Das Beben ließ viele Häuser schwanken, wie Augenzeugen berichteten. Durch Stromausfälle waren 160.000 Haushalte vorübergehend ohne Elektrizität. Auch die Wasserversorgung wurde für 400.000 Haushalte unterbrochen. Die Erdstöße passierten nur einen Tag vor dem traditionellen chinesischen Neujahrsfest, das von Sonntag auf Montag beginnt. Die Hochgeschwindigkeitsbahn wurde im Süden streckenweise gestoppt, um die Schienen auf Schäden zu untersuchen. Die Betreiber der Schnellbahn rieten vorerst von Fahrten in den Süden ab, was die Reisewelle über die Ferientage zum größten chinesischen Familienfest behindern dürfte.

Taiwan wird immer wieder von Erdbeben erschüttert, weil die Insel in der Nähe einer Bruchstelle zweier tektonischer Platten liegt. Bei einem Erdbeben der Stärke 7,6 waren im September 1999 rund 2.400 Menschen ums Leben gekommen. Im Juni 2013 starben vier Menschen bei einem Beben der Stärke 6,3.