Wir hatten uns in Brüssel daran gewöhnt, mit dem Terroralarm zu leben. An die schwer bewaffneten Soldaten, die vor den öffentlichen Gebäuden meistens freundlich grüßten. An die Sicherheitskontrollen, die wir passieren mussten, wenn wir ins Museum wollten. An die beunruhigenden Nachrichten von Dschihadisten, die aus Syrien heimgekehrt waren und nun wieder in Belgien leben. Auch an die besorgten Anrufe aus Deutschland hatten wir uns gewöhnt, nachdem in Paris 130 Menschen gestorben waren und die Spur der Täter hierher nach Brüssel wies. Zu uns, den Menschen, die in dieser großen kleinen Metropole leben.

Auch heute Morgen rief mich ein besorgter Kollege an, da war es Viertel vor neun. Explosionen am Flughafen – ob ich wohlauf sei und schon davon gehört hätte. Nein, ich hatte noch nicht davon gehört. Ich war gerade auf dem Weg zur U-Bahn, stadteinwärts mit der Linie 1. Um fünf nach neun bin ich an der Station Schuman ausgestiegen, mein Büro liegt gleich um die Ecke. Eine Station weiter, in Maelbeek, explodierte um 9:11 Uhr eine Bombe. Es muss der Zug nach mir gewesen sein. Ja, ich bin wohlauf – wie oft habe ich diesen Satz seither in mein Handy getippt? Und wie oft habe ich seitdem gedacht: Hoffentlich sind keine Freunde unter den Opfern.

Die Anschläge in Brüssel sind keine Überraschung, die Bedrohung war hier präsenter als in München oder Berlin. Aber sie war abstrakt. Auch im November, nach den Pariser Attentaten. Ein ganzes Wochenende lang war Brüssel eine Geisterstadt gewesen, lockdown. Die U-Bahnen fuhren nicht, die Geschäfte blieben geschlossen, die Regierung schickte gepanzerte Militärfahrzeuge auf die Straße. Es gebe ernst zu nehmende Hinweise auf einen bevorstehenden Anschlag, teilte der Ministerpräsident mit. Aber man konnte nichts sehen und nichts greifen. Salah Abdeslam, einer der mutmaßlichen Attentäter von Paris, blieb flüchtig.

So viele Energien, gute und weniger gute

Nach zwei Tagen fingen Journalisten und selbsternannte Sicherheitsexperten damals an zu murren: Ob das denn wirklich nötig sei? Oder ob die belgische Regierung in ihrer Hilfslosigkeit nicht maßlos übertreibe? Im Politikmagazin Politico erklärte ein amerikanischer Journalist, Belgien sei ein "failed state". Ein gescheiterter Staat. Nach vier Tagen wurden die Schulen wieder geöffnet, dann fuhren auch die U-Bahnen wieder, ohne dass einer der Verdächtigen gefasst worden war. Die Stadt und ihre Einwohner schalteten zurück auf Alltag. Was auch sonst?

Brüssel ist eine großartige Stadt, bunt und international in jeder Hinsicht. Hier leben französische Millionäre, die vor der Steuer fliehen, osteuropäische EU-Beamte, deutsche Korrespondenten, Migranten aus Marokko, Kongolesen aus der ehemaligen Kolonie. Drei von vier Brüsselern sind Ausländer oder haben einen Migrationshintergrund. Die kosmopolitischen Wanderarbeiter und das multikulturelle Prekariat leben in der belgischen Hauptstadt zwar nicht Tür an Tür, aber doch nicht sehr weit voneinander entfernt. Der flämische Autor Stefan Hertmans schrieb einmal, Brüssel sei "das Labor für den Untergang des alten Europa". Kaum eine andere europäische Stadt versammelt auf so kleiner Fläche so viele Energien, gute und weniger gute.

Auch Molenbeek, wo jetzt wieder die Übertragungswagen des internationalen Medientrosses einfallen, ist keine Enklave des Bösen. Nicht einmal ein Ghetto. Der Stadtteil liegt zentral, nur ein paar Straßen weiter beginnt St. Katharinen, ein hippes, trendiges Szeneviertel. Aber natürlich ist es erklärungsbedürftig, warum ein weltweit gesuchter Verdächtiger wie der mutmaßliche Paris-Attentäter Salah Abdeslam hier Tage, Wochen, vielleicht sogar Monate unterschlüpfen konnte. Und natürlich wird, wenn die Tränen erst einmal getrocknet sind, die Frage gestellt werden müssen, wie es den Terroristen gelingen konnte, die heutigen Anschläge vorzubereiten, obwohl doch in Brüssel seit Monaten erhöhter Terroralarm herrscht.

Stille im Europaviertel

Die Einwohner Brüssels haben in den vergangenen Monaten oft geschwankt. Auch sie haben Fragen an ihre Regierung, an die Sicherheitsdienste, an die verantwortlichen Kommunalpolitiker in Molenbeek: Wie konnte es passieren, dass aus Belgien im Vergleich zur Bevölkerungszahl mehr junge Männer in den unheiligen syrischen Krieg gezogen sind als aus jedem anderem europäischen Land? Zugleich haben viele Brüsseler ihre Stadt verteidigt gegen die Vorurteile und medialen Zerrbilder, die schnell gezeichnet sind, aber nichts erklären. Gegen das Dahergerede von der "Terrorhochburg" und dem "gescheiterten Staat". Noch am Freitag, mit der Festnahme Abdeslams, sah es so aus, als wäre der belgischen Polizei ein Coup gelungen.

Die Straßen rund um die U-Bahn-Station Maelbeek sind am Nachmittag noch immer abgesperrt. Die umliegenden Supermärkte haben geschlossen, ein weißer Zettel hängt an der Tür. "Aus Sicherheitsgründen", steht darauf. So ruhig ist es hier im Herzen des Europaviertels sonst nur, wenn sich im nahe gelegenen Ratsgebäude Angela Merkel und ihre Kollegen treffen. Nur ein kleiner Zeitungsladen, gleich gegenüber dem Ratsgebäude, trotzt dem Tag. Zeitschriften werde er heute wohl nicht mehr verkaufen, sagt der Besitzer. Aber schließen? Kommt überhaupt nicht in Frage! Schließen wäre ein Zeichen von Kapitulation. Und wer weiß, vielleicht braucht jemand noch Zigaretten oder Schokolade.

Die Zahl der Toten steigt weiter. In der kleinen Eingangshalle unseres Bürogebäudes sitzen Sanitäter in Westen des Roten Kreuzes und trinken einen Kaffee. Eine kurze Pause nach dem Rettungseinsatz, ich mag sie nicht ansprechen. Draußen, rund um die U-Bahn-Station, ist es ganz still geworden.