ZEIT ONLINE: Herr Bartsch, Sie haben drei Jahre zu Wohnungseinbrüchen geforscht. Wieso wird gerade jetzt mehr eingebrochen?

Tillmann Bartsch: Der Wohnungseinbruch ist ein attraktives Delikt geworden. Handys und Laptops können die Einbrecher ohne Probleme mitnehmen. Früher musste man schon, wenn man kein Bargeld oder keinen Schmuck fand, den großen Röhrenfernseher heraustragen, das hat wesentlich mehr Aufmerksamkeit erregt. Zur gleichen Zeit sind die Diebstähle aus Kraftfahrzeugen in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Möglicherweise haben wir es hier mit einer Verlagerung zu tun. Autos sind heute besser gesichert als Wohnungen: Sie sind häufig mit Alarmanlagen ausgestattet und stehen in Gegenden, die von Videokameras überwacht werden. Die Wohnung ist im Vergleich die leichtere Beute.

ZEIT ONLINE: Was wissen Sie über die Täter, kommen die wirklich vor allem aus Osteuropa?  

Bartsch: Das ist schwer zu sagen, denn wir wissen nur sehr wenig über die Täter. Auf hundert Wohnungseinbrüche kommen zwei bis drei Verurteilungen. Das heißt, nur in zwei bis drei Fällen wissen wir am Schluss auch sicher, wer der Täter war. Der sehr plötzliche Anstieg in den vergangenen Jahren vor allem in den südlichen Bundesländern könnte jedoch darauf hindeuten, dass Banden aus Südosteuropa am Werk sind. Das erklärt aber keinesfalls den Anstieg in ganz Deutschland. Bremerhaven beispielsweise ist eine Stadt, die seit Jahren unheimlich stark belastet ist. Dass Banden aus Südosteuropa an die Nordsee fahren, um dort die Wohnungen leerzuräumen, ist mir nicht plausibel zu machen. Häufig werden bei Wohnungseinbrüchen auch gar nicht die wertvollsten Gegenstände gestohlen, sondern es geht nur darum, schnell ein paar Hundert Euro aufzutreiben. Das deutet darauf hin, dass wir es auch mit Drogenabhängigen und Jugendlichen zu tun haben.

ZEIT ONLINE: Eine Aufklärungsrate von zwei Prozent klingt entmutigend. Wieso sind die Einbrecher so schwer zu fassen?

Bartsch: Die Spurenlage ist oft sehr dünn. Der Täter geht in die Wohnung und wenn er einigermaßen geschickt ist, hinterlässt er dabei keine Spuren. Zeugen gibt es nur selten, weil bei den meisten Wohnungseinbrüchen niemand zu Hause ist. Wenn der Täter gesehen oder auf frischer Tat ertappt wird, dann führt das auch besonders häufig zu einer Verurteilung.

ZEIT ONLINE: Was kann dann getan werden, um Wohnungseinbrüche zu verhindern?

Bartsch: Der Kampf gegen den Wohnungseinbruch lässt sich nicht allein mit Mitteln der Repression gewinnen. Auch die Bürger müssen ihre Wohnungen besser schützen: Zusatzschlösser und andere Sicherungen sind sinnvolle Investitionen. Außerdem gibt es kostenlose Beratungsangebote von der Polizei. Da schaut sich jemand die Wohnung an, sucht Schwachstellen und empfiehlt, was man zur besseren Sicherung der Wohnung tun kann.

ZEIT ONLINE: In vielen Ortschaften bilden sich zurzeit Bürgerwehren. Können die helfen, Einbrecher abzuschrecken?

Bartsch: Man muss hier differenzieren: Eine aufmerksame Nachbarschaft kann große Wirkung zeigen, wenn man davon ausgeht, dass die Täter nicht erwischt werden wollen. Das könnte auch ein weiterer Grund für den Anstieg von Einbrüchen sein. Denn immer mehr Menschen ziehen in die Städte und dort passen die Leute schlechter aufeinander auf. Auf dem Land steht häufig einer am Fenster und sieht, wenn ein fremdes Auto vorfährt. 

Bei Bürgerwehren bin ich hingegen skeptisch. Zwar mag auch das einen abschreckenden Effekt haben. Aber es ist sehr problematisch, wenn nicht speziell dafür ausgebildete Menschen plötzlich anfangen, das Recht in die eigene Hand zu nehmen und auf Verbrecherjagd gehen. Das ist Aufgabe der Polizei.

ZEIT ONLINE: Welche Folgen haben die Einbrüche für die Opfer?

Bartsch: Der finanzielle Verlust ist häufig ein vergleichsweise geringes Problem, die meisten Leute sind ja auch versichert. Das Schlimmste ist die psychische Belastung nach der Tat. Unsere Opferbefragung hat ergeben, dass zehn Prozent der Befragten nach dem Einbruch umgezogen sind, weil sie es in der Wohnung nicht mehr ausgehalten haben. Weitere 15 Prozent wären gerne umgezogen, konnten es aber nicht. Andere nehmen danach psychologische Beratung in Anspruch.