Die Stimme aus dem All klingt verzerrt. "Lieber Präsident, ich bin froh, mein geliebtes Land zu sehen. Ich sehe die wunderschöne Küste, die großartigen grünen Berge und Felder. Es ist unglaublich schön. Ich bin sehr glücklich."   

1987 war das und seitdem hat sich alles geändert. Mohammed Faris war damals als Astronaut im All – als erster Syrer und erster professioneller Raumfahrer der arabischen Welt. Der Präsident, mit dem er am Telefon sprach, war Hafiz al-Assad, der Vater von Baschar al-Assad. Mohammed Faris war Pilot der syrischen Armee. Und ein Nationalheld, nach dem Straßen, Schulen und ein Flughafen benannt sind.

Heute spricht Mohammed Faris nicht mehr über die schöne Küste und die grünen Felder Syriens. Er spricht über sterbende Kinder, ein zerstörtes Land und einen Diktator, den er mit Adolf Hitler vergleicht. Dem Regime gilt er als Verräter, seit er die Opposition unterstützt. Im Jahr 2012 zog er nach Istanbul. Aus dem Nationalhelden ist ein Flüchtling geworden.

Seine Karriere begann in den 80er Jahren. 1985 wurde er für das russische Interkosmos-Programm ausgewählt. Schon damals waren Russland und Syrien eng verbandelt: Die Sowjetunion unterstützte Hafiz al-Assad, der sich 1970 an die Macht geputscht hatte. Im Gegenzug durften die Russen eine Marinebasis in Tartus errichten, die noch heute in Betrieb ist.

Zwei Jahre trainierte Mohammed Faris in Moskau. Am 22. Juli 1987 flog er zur russischen Raumstation Mir. Sieben Tage, 23 Stunden, vier Minuten und 55 Sekunden war er im All. Tausende Menschen erwarteten ihn bei der Rückkehr. Er wurde als "Neil Armstrong der arabischen Welt" gefeiert.

Über sein Telefongespräch aus dem All sagt er heute, in einem Video-Interview des britischen Guardian: "Natürlich war das Propaganda. Ich bin ein Astronaut meines Volkes, nicht der von Baschar al-Assad oder Hafiz al-Assad." 

Mohammed Faris bei einem Test auf der Raumstation Mir im Jahr 1987 © Sovfoto/UIG via Getty Images

Seine Bitte, ein Raumfahrtinstitut gründen zu dürfen, lehnte Hafiz al-Assad ab. "Er wollte sein Volk ungebildet und uneinig haben, mit begrenzten Kenntnissen", sagt er. "So bleibt man als Diktator an der Macht." Faris wurde stattdessen zum Ausbilder der syrischen Luftwaffe ernannt. Hunderte Piloten trainierte er. Als Baschar al-Assad im Jahr 2000 seinen verstorbenen Vater als Präsident ablöste, wurde er dessen Militärberater.

Der "Held der Sowjetunion" kritisiert Russland

Im März 2011 begannen die Proteste. Auch Faris und seine Frau waren dabei. Monatelang demonstrierten sie in Damaskus – und versuchten zugleich, in Gesprächen Einfluss auf Assad und seinen Führungszirkel zu nehmen. Aber ohne Erfolg. "Sie dachten, sie seien die Guten." Faris weigerte sich, Demonstranten anzugreifen. Sorgsam plante er die Flucht. Im August 2012 überquerte er mit seiner Frau und den drei Kindern die Grenze in die Türkei. Er ist bislang der hochrangigste Überläufer des Assad-Regimes. 

Heute lebt der 64-jährige in einem Viertel in Istanbul, das alle nur "little syria" nennen, weil sich dort so viele geflüchtete Syrer niedergelassen haben. In einem maroden Gebäude hat er ein kleines Büro gemietet. Von dort aus versucht er, die Opposition zu unterstützen. "Nicht mit Waffen, sondern mit Worten", wie er sagt. Eine Zeitlang hat er die Freie Syrische Armee (FSA) beraten. Er gehört auch dem Nationalen Koordinationskomitee für Demokratischen Wandel (NCB) an, das im Februar an der Syrienkonferenz in Genf teilgenommen hat.

Bei einem Training im Jahr 1987: Die russischen Astronauten Aleksander Viktorenko und Aleksandr Pavlovich Aleksandrov, in der Mitte Mohammed Faris © Sovfoto/UIG via Getty Images

Faris, der einst mit dem Lenin-Orden und dem Orden als "Held der Sowjetunion" ausgezeichnet wurde, übt auch an Russland scharfe Kritik. "Sie haben das Blut von mehr als 2.000 Zivilisten an ihren Händen", sagt er. Der russische Militäreinsatz schade dem syrischen Volk. Er, der fließend russisch spricht, habe deshalb jede Hilfe und ein Asylangebot von Russland abgelehnt.

Auch an der Syrien-Politik der EU hat er einiges auszusetzen. Die USA und Europa hätten versagt und das Nötige nicht getan. "Ich sage Europa: Wenn ihr keine Flüchtlinge wollt, solltet ihr uns helfen, dieses Regime loszuwerden." 

Hat er, der abtrünnige Nationalheld, noch Hoffnung für sein zerstörtes und zerrissenes Land? Ja, sagt Mohammed Faris. "Eines Tages wird das syrische Volk die Kraft haben, Syrien wieder aufzubauen." Wann das sein wird, sagt er nicht. Er erinnert sich lieber an seine Zeit im Weltall. "Ich habe die Erde von außen gesehen. Sie hat keine Grenzen." Der syrische Major Tom hat eine neue Mission: seinen Landsleuten Hoffnung geben.