Die Anschläge in Ankara, Istanbul, Paris oder Brüssel und ihre mediale Inszenierung zeigen das sicherheitspolitische Dilemma, in dem sich moderne Staaten befinden. Terroristische Netzwerke, die mit einfachen Mitteln ganze Gesellschaften lähmen und nachhaltig traumatisieren können, gibt es auch in Deutschland. Sie setzen sich zusammen aus ganz unterschiedlichen Typen: aus Abenteurern, Mitläufern, Neu- und Wiedergeborenen, die ihre meist kriminelle Vergangenheit mit Religiosität abbüßen oder Menschen, die Gewalt- und Tötungsfantasien ausleben wollen. Die gemeinsame Klammer ist die islamistische Ideologie.

Wie kann man gegen Menschen vorgehen, die sich auf der Basis einer religiösen Weltanschauung organisieren? Sicher muss der Austausch und die Kooperation sicherheitspolitischer Akteure grenzübergreifend intensiviert werden, wie es gerade diskutiert wird. Präventions- und Ausstiegsprojekte sind notwendig und sinnvoll. Aber reicht das aus?

Die Anhänger und Kämpfer dieser Ideologie aus Deutschland, Frankreich oder Belgien sind oft junge Muslime, die schon in der dritten Generation in Europa leben. Die Zahl der Konvertiten ohne Migrationshintergrund nimmt jedoch stetig zu. Zwar gehört die Mehrheit der Betroffenen zu den Bildungsverlierern. Es lassen sich aber auch junge Männer finden, die ihr Studium aufgegeben haben, um sich dem Kampf anzuschließen. Radikalisierte Personen betonen stets, dass sie in den westlichen Gesellschaften aufgrund ihrer religiösen Identität ausgegrenzt würden. Die Politik hierzulande habe sich gegen den Islam verschworen, heißt es.

Diskriminierung gibt es sicherlich. Aber der Islamismus konstruiert auch selbst eine fiktive globale Gruppe von muslimischen Opfern – und  damit eine Gegen- und Protestidentität, die besonders attraktiv für junge, nach Identität suchende Menschen in den Großstädten Europas ist. Die Attentäter von Madrid, London, Paris und Brüssel, aber auch die gescheiterten Terroristen der Sauerlandgruppe in Deutschland, behaupten, universalistische Ziele zu verfolgen, die sie mit Recht und Gerechtigkeit überschreiben, und die altruistisch erscheinen sollten. Sie bieten dem suchenden Ich damit eine Gruppenidentität an, die die individuelle Identität mit all ihren Schwächen übertüncht.

Sinn durch Rache

Der Islamismus ist zudem eine Hassideologie. Er unterscheidet zwischen lebenswerten mu´minun (Gläubigen) und vernichtungswerten kafirun (Ungläubigen). Er hebt die moralisch reinere eigene Gruppe aus der Mehrheitsgesellschaft heraus. Komplexe gesellschaftliche Probleme werden damit einfach aufgelöst. Wer in welche Gruppe gehört, bestimmen die Chefideologen auf den Kampffeldern des globalen Dschihad und teilen es über das Internet mit. Der Terrorismus gilt als die Rache für die empfundene Kränkung durch den erfolgreich wahrgenommenen ungläubigen Westens – ein arroganter Gegner.

Allerdings entlarvt der Wunsch, den anderen zu zerstören, die Zerbrechlichkeit der eigenen Identität, denn absurderweise wertet ausgerechnet der verhasste Ungläubige das Selbst erst auf. Der Ungläubige und all seine Symbole sind immer und überall eine existenzielle Gefahr, so dass seine Verteufelung eine notwendige, fixe Bedingung der Selbstdefinition darstellt.

Der Islamismus war stets eine Gegenideologie: Er wurde einst von den arabischen Monarchien am Golf gestärkt, gegen die arabischen Nationalisten, die progressiv, oft sogar sozialistisch ausgerichtet waren. Derzeit wetteifert Saudi-Arabien mit Iran um die Vormachtstellung und die Definitionshoheit über den Islam. Zwei Systeme, die jeweils eine spezifische Form des Islamismus vertreten. Westliche Länder haben ihn einst im Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan selbst genutzt. Damit konnte sich der Islamismus die Aura einer revolutionären, provokanten Trotzideologie verleihen, die Grenzen verwischt und Solidarität unter den Muslimen vorgaukelt.

Die Suche nach Transzendenz

Aber all das erklärt nicht, warum junge Menschen bereit sind, sich selbst zu töten. Es gibt andere Möglichkeiten des Protestes, zum Beispiel in verschiedenen Subkulturen. Manche finden ihre Gruppenzugehörigkeit auch in der organisierten Kriminalität. Und auch Rechtsextreme verfolgen eine Hassideologie. Aber sie alle wollen überleben.

Die islamistischen Attentäter werden jedoch außerdem von der Aussicht inspiriert, für Gott als Märtyrer zu sterben.  Sie verstehen sich als Helden, die gemäß der islamischen Offenbarung handeln. Der Attentäter selbst führt den Krieg nicht, um Territorien zu erobern oder die eigene Macht auszudehnen, sondern um der Ideologien und Weltanschauungen selbst. Machtorientiert und strategisch sind eher die Chefideologen und Führer von Al-Kaida und des sogenannten "Islamischen Staates", die aus ihren Bunkern und gut gesicherten Verstecken heraus handeln.

Die Kämpfer hingegen erleben eine Transzendenz, in der nicht nur ihre Tötungsabsicht, sondern ihre Opfer- und Todesbereitschaft für höhere Ziele maßgebend ist. So sprengte sich der deutsche Robert B. aus Solingen im Januar 2010 in Syrien als erster einer Reihe deutscher Selbstmordattentäter in die Luft. Sie alle betonten in Abschiedsvideos und Briefen ihre Faszination, für die göttliche Sache zu sterben, und waren angetrieben vom göttlichen Versprechen eines ewigen Lebens im Paradies.