Norbert Blüm übernachtete im Flüchtlingslager Idomeni © Kay Nietfeld/dpa

Mit einer Nacht im Flüchtlingslager Idomeni wollte Norbert Blüm auf das Elend der Migranten aufmerksam machen und gleichzeitig Europa auffordern, sich in der Flüchtlingsfrage auf seine Werte zu besinnen." Wenn Europa noch etwas mit dem Christentum zu tun hat, dann muss es sich von leidenden Kinderaugen erpressen lassen. Ich hoffe zumindest, dass es noch so viel Gefühl in Europa gibt", sagte der ehemalige Arbeitsminister (CDU) bei stern TV. "Wer da nicht Mitleid spürt, der hat ein Herz aus Stein, der ist unmenschlich."

Blüm hatte von Samstag auf Sonntag bei den Flüchtlingen gezeltet, um ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Die unmenschlichen Verhältnisse vor Ort, der Schlamm, die Kälte und der Stacheldraht machten den 80-Jährigen fassungslos: "Was ich eine Nacht kaum ausgehalten habe, das halten die hier zum Teil schon seit Wochen aus. Was müssen die eigentlich erlebt haben, dass die das hier durchhalten." Er bezeichnete die Verhältnisse vor Ort als Anschlag auf die Menschlichkeit: "Diese Art von Brutalität ist unwürdig der europäischen Kultur."

Schon vorher hatte er mehrfach mit deutlichen Worten gefordert, Europa müsse sich der Menschenwürde zuwenden und zeigen, ob es nur ein Zweckverband zur Förderung nationaler Interessen bleibe oder zu einer gemeinsamen Politik fähig sei, die einer Idee folgt. Niemand könne ein Europa Ernst nehmen, das es nicht einmal schaffe, 160.000 Flüchtlinge zu verteilen. "Europa hat 500 Millionen Menschen – wenn wir 5 Millionen aufnehmen würden, muss niemand besondere Leistungen erbringen", sagte Blüm bei stern TV. "Das sind Leute, die sind am ersaufen. Und was macht das Europa? 28 Staatsmänner kommen zusammen und diskutieren zwei Nächte lang über die Sozialleistungen von Großbritannien, damit die bei Laune bleiben, während zugleich die Menschen im Mittelmeer ertrinken."

Ein Skandal sei zudem, dass Geschäftemachen offenbar wichtiger sei, als den Menschen zu helfen. "Durchs Lager in Idomeni fährt regelmäßig ein Güterzug, der wird durchgelassen, während die Menschen eingesperrt sind." Das halte er für pervers, das sei eine verrückte Welt. Güter dürften keine Vorfahrt vor Menschen haben. Es brauche ein solidarisches Europa, sagte Blüm: "Ansonsten kann man den Laden auch schließen. Nur um Geschäfte zu machen, brauche ich kein Europa."

Auch zu der Flugblattaktion, durch die Hunderte Flüchtlinge aufgefordert wurden, sich auf den Weg Richtung mazedonischer Grenze zu machen, äußerte sich Blüm. Tausende versuchten, über einen reißenden Fluss nach Mazedonien zu gelangen, wurden aber aufgegriffen und wieder nach Idomeni gebracht. Das Flugblatt war mit dem mysteriösen Aufdruck "Kommando Norbert Blüm" unterzeichnet worden. Er habe damit nichts zu tun, sagte der 80-Jährige. "Ich hätte auch den Ratschlag zu diesem Fluchtweg nicht gegeben. Aber wie verzweifelt muss jemand sein, so eine Fluchtroute zu wählen."

Idomeni - Flüchtlinge kritisieren Vorgehen mazedonischer Grenzschützer Mazedonien hat nach eigenen Angaben rund 1.500 Migranten, die versucht hatten über die grüne Grenze zu kommen, nach Griechenland zurückgeschickt. Im Notlager Idomeni sitzen weiter mehr als 12.000 Menschen fest.