Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Theuerung ins Land kam, konnte er auch das täglich Brot nicht mehr schaffen. Wie er sich nun Abends im Bette Gedanken machte und sich vor Sorgen herumwälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau: "Was soll aus uns werden? Wie können wir unsere armen Kinder ernähren, da wir für uns selbst nichts mehr haben?" Aber Hänsel und Gretel hatten einen Plan, um ihrer Familie zu helfen. Glücklicherweise hatten ihre Eltern ihnen den sicheren Umgang mit Schusswaffen beigebracht …

Kennen Sie, oder? Das berühmte Märchen Hänsel und Gretel (haben Gewehre)? Die Bloggerin und Autorin Amelia Hamilton hat es geschrieben, für die Website der National Rifle Association (NRA) in den USA. Der Waffenverband will Kinder für Knarren interessieren und versucht es jetzt mit pädagogisch wertvollen Neuinterpretationen bekannter Grimm-Märchen.

Statistiken sind erschreckender als jedes Märchen

Neben Hänsel und Gretel bewaffnet Hamilton auch das Rotkäppchen. Little Red Riding Hood (has a gun) heißt das Märchen entsprechend. Und das geht so:

Ei, Großmutter, was hast du für große Augen! – Dass ich dich besser sehen kann.
Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren! – Dass ich dich besser hören kann.
Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul! – Dass ich dich besser fressen kann.
Da hörten die großen Ohren plötzlich das unverwechselbare Geräusch eines Gewehrs, das entsichert wird.

Die Moral beider Geschichten: Beide enden völlig unblutig, weil die Protagonisten Gewehre haben und sich und andere beschützen können.

Spätestens hier dürfte jedes Kind merken, dass es sich um Märchen handelt. Denn allein zwischen Januar und Oktober 2015 haben Kinder unter drei Jahren in den USA in mindestens 43 Fällen auf sich oder andere geschossen und sich oder andere dabei verletzt oder getötet. Mindestens 555 Kinder unter zwölf Jahren sind in den USA zwischen Dezember 2012 und Dezember 2014 durch Schusswaffen gestorben. In diesem Jahr haben mindestens 52 Minderjährige in den USA versehentlich sich selbst oder jemand anderen erschossen. FBI-Daten legen nahe, dass Kinder sehr viel wahrscheinlicher von Familienangehörigen und Bekannten getötet werden als von Fremden. Noch mehr solcher grimmiger Statistiken gibt es hier.

Als nächstes werden die drei kleinen Schweinchen bewaffnet

Amelia Hamilton, Autorin der Kinderbuchreihe Growing patriots (Heranwachsende Patrioten), lässt sich von solchen Zahlen offenbar nicht beeindrucken. Im Interview für die NRA-Sendung Cam & Co sagt sie: "Die Originalmärchen sind sehr gewalttätig. Würde man Kindern mehr über Sicherheit beibringen, ließen sich die darin geschilderten Situationen vermeiden." Deshalb will sie im Mai nachlade… Verzeihung, nachlegen und eine Neuversion von Die drei kleinen Schweinchen veröffentlichen.

Liebes, gutes kleines Schwein, lass mich doch zu dir hinein.
Klick …
Ok, vergiss es, ich komm' vielleicht später nochmal vorbei.

So in etwa.

Wer trotz allem mehr über Hamilton wissen will: Jeden Freitag beantwortet sie Fragen über das Leben, die Liebe und alles andere auf Ricochet.com. Ricochet heißt Querschläger.