Forever young? © Thomas Trutschel/Getty Images

"Mit jedem Tag, den man in Berlin war, hatte man weniger Lust, sich noch einmal den Anforderungen Westdeutschlands zu stellen", schreibt Oskar Roehler in seinem Roman Herkunft. Der Protagonist, Anfang zwanzig, schlägt in einem West-Berliner Hinterhofloch die Zeit tot, weggelaufen vor der Schulabschlussprüfung in einer fränkischen Kleinstadt Mitte der 1980er Jahre.

Ein Vierteljahrhundert später weht in Berlin das Versprechen der ewigen Adoleszenz noch immer. Die Stadt lockt als Provisorium, als Moratorium für das Erwachsenwerden, inzwischen für Menschen aus der ganzen Welt.

Was auch immer "erwachsen" heißen mag.

Wohl nirgends in der Republik wird der Kampf mit diesem Begriff und dem von ihm Benannten so offen ausgetragen wie in der Hauptstadt. Ob in Berlin-Filmen wie Oh Boy, Am Himmel der Tag, Berlin Calling, 3 Zimmer/Küche/Bad, Käpt’n Oskar. Oder in Berlin-Bestsellern wie Sarah Kuttners Wachstumsschmerz, Ist das Liebe oder kann das weg von Michael Nast oder Hamma wieder was gelernt von Markus Kavka. Bis hin zu sich auf Berlin beziehenden essayistischen oder akademischen Auseinandersetzungen mit den Ursachen oder Folgen des Phänomens der großstädtisch überdehnten Jugend, zu finden etwa in Frank Schirrmachers Methusalem-Komplott, in Wir haben keine Angst von Nina Pauer oder in Heinz Budes Generation Berlin. Sogar in der englischsprachigen Literatur wird immer wieder Berlins Einzigartigkeit als Ort des konstanten Dazwischenseins umspielt, wie bei Cloe Aridjis’ Book Of Clouds oder This Must Be The Place von Anna Winger.

Offensichtlich will das Publikum genau das haben. Die Geschichte einer Verzögerung des Erwachsenwerdens, die aus der Stadt heraus erwächst, aus ihren Menschen; an der man teilhaben kann, wenn man will; die Berlins Stadtbild beeinflusst, mit Graffiti, Bauwagen, den Spuren des Improvisierten, Nicht-Angekommenen.

Ist das Moratorium Berlin mehr als ein Großstadtmythos?

Aber ist das Moratorium Berlin heute nicht nur noch einer dieser sich selbst nährenden Großstadtmythen, kolportiert vor allem von Tourismuswerbern – und in der Folge von Touristen? Wie auch der Mythos von den "Freiräumen" in Berlin – der Stadt, in der "alternative Lebensmodelle" noch leben, in der "Utopien" noch nicht wie anderswo begraben wurden? 

Die Suche nach dem Phänomen beginnt in dem Ortsteil, der Suchende seit über 30 Jahren anzieht. Und dort an einem Ort, an dem sich so viel von dieser Verzögerung abspielt. Sie beginnt in einer Kneipe in Kreuzberg, an der Grenze zu Neukölln. Im Schlawinchen, über das Sven Regener seinen Erwachsenwerden- und Alles-andere-Verweigerer Herrn Lehmann räsonieren lässt: "Denn wenn er schon im Schlawinchen ist, dachte Herr Lehmann, dann steht es ganz schlecht um ihn."

Es ist früher Abend, noch steht es gut um die sechs Menschen am Tisch. Ein Gespräch über dies und das. Darüber, wie schnell die Zeit vergeht, wie der Alltag das Leben zur Raserei beschleunigt. 24 die Jüngste, 31 der Älteste. Zwei Menschen, sagen wir: Paul und Lina, sind zu Gast in Berlin. Sie leben in der Nähe von Stuttgart in einer mittelgroßen, wohlhabenden Stadt. Sie sind Ende 20 und fest verpartnert, wenn auch noch nicht verheiratet. Sie planen ihr erstes Kind.

Die Diskussionslautstärke übertönt immer wieder den Grundlärmpegel im Raum. Ob sie denn nicht zu jung seien, nichts mehr vorhätten, noch einmal weg oder so, so ein Kind schränkt doch ganz schön ein. Finden die Berliner. Es sei doch der beste Zeitpunkt überhaupt, es fühle sich richtig an, außerdem könne man auch mit Kind sein Leben genießen. Finden die Württemberger. Und: Sie seien ja auch nicht mehr die Jüngsten.

Wie das Erwachsensein ist auch das Jungsein offenkundig verhandelbar. Der Übertritt aber erscheint in solchen Gesprächen allzu oft als selbstbestimmter Akt, jederzeit möglich, wir müssen nur wollen, Partner, Kinder, Ernst des Lebens, Sicherheit. Und so sagen die, die aus nachmittäglichen TV-Serien oder allmonatlich in Zeitungen und Zeitschriften erscheinenden Berlin-Totsprechungen auf die Stadt blicken, gern aus bayrischer Ferne: Berlin und Berliner, werdet mal erwachsen!

Aber geht das so einfach? Hier? Haben die Menschen am Tisch im Schlawinchen wirklich alle Möglichkeiten? Sind die Berliner, die keine Kinder, keine festen Partner und lieber Luft und Liebe als Geld und Besitz wollen, freier als die süddeutschen Bald-Eltern und zugleich verantwortungsloser? Anders gefragt: Könnten sie auch anders?