Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Ein Vorwort als Nachtrag

Wenn der Kolumnist, auf der Suche nach einem aktuellen Beispiel für "Rache", auf ein so herausragendes Maleficium Magnum stößt wie jenes unter dem originellen Titel Immer nur um Fischer in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 13. März 2016, sollte er diese Steilvorlage nicht verstolpern.

Es stammt von einer jungen Autorin. Und ich bin gewiss: In der Welt der anonymen Hintergrundgespräche wird sie es weit bringen. Auch bei diesem aktuellen Auftrag hat sich die Nachwuchshoffnung wacker ins Zeug gelegt. Deshalb, liebe Leserinnen und Leser, möchte ich Sie bitten, dieses Werk der Qualitätspresse zu lesen. Ich füge es als Link bei. Wenn Sie mögen, lesen Sie vorab noch einmal die Kolumne vom 2. Februar 2016. Dann werden die Zusammenhänge klarer.

Und nun zum Thema.

Rache, überirdisch

"Die Rache ist mein, ich will vergelten" (5. Buch Mose 32:35). "Herr, Gott, des die Rache ist, des die Rache ist, erscheine!" (Psalm 94:1). Holla! Da traut sich einer was! Unter welchem Pseudonym auch immer: Die Götter dieser Welt haben schon immer in Aussicht gestellt, ein "empfindliches Übel" (Paragraf 240 Absatz 1, StGB) in der Hinterhand zu haben für den Fall, dass wir ihren Anweisungen nicht Folge leisten. Freilich: Wenn und weil Gott ein Rächer ist, soll der Mensch die Finger davon lassen.

Daran hat Letzterer sich bis heute nicht gehalten. Wenn Sie bitte bei Homer anfangen wollen, so werden Sie, liebe Griechen, Europäer, Menschen, zwischen Menelaos und Hamlet, Achilles und Helmut Kohl, Medea und Kriemhild, Joseph Goebbels und dem Grafen von Monte Christo finden, was ich meine. Und selbst der Pferdehändler Michael Kohlhaas war, entgegen landläufiger Meinung, kein wahnhafter Querulant, sondern ein Kleingewerbetreibender, der einfach die Nase voll hatte und die Vergeltung in die eigenen Hände nahm.  

Rache, irdisch

Frage: Was ist "Rache"? Wiederherstellung, Ausgleich, Vergeltung, Spiegelung, Auslöschung, Negierung, Neuerrichtung? Antwort: Vieles oder alles davon, aber auch zugleich immer auch das Gegenteil. Manche sagen, Rache sei ein vor-rechtliches Instrument; andere, sie setze Recht, jedenfalls Moral, voraus. Richtig ist zweifellos, dass die Vorstellung von Rache als "Vergeltung" stets einen Begriff von Unrecht, also von Ordnungsverstoß voraussetzt, der nicht allein "natürlich", schicksalhaft verursacht, sondern als "normativ" (wertend) zu "verantwortend" angesehen wird. Im Grundsatz gilt: Tiere "rächen" sich nicht, denn sie haben keine Vorstellung von Verantwortung. Kann ein Lebewesen zwischen "Ich" und "Du" nicht unterscheiden, hat es auch keine Möglichkeit einer Differenzierung zwischen dem Inneren und dem Äußeren, sich selbst und der Natur, dem blinden Geschehen, der Kausalität als Abfolge von Zwangsläufigkeiten.

So haben sich die Menschen das lange vorgestellt: Ein "natürliches", unwillkürliches, grenzenloses Leben jenseits dessen, was wir "Verantwortung" nennen, ein Leben, das geprägt ist von der Wirklichkeit des Sozialen, der Verantwortung, der Schuld und der Notwenigkeit zu deren "Ausgleich". In unserem Kulturkreis finden wir das in der Vorstellung vom "Paradies": Löwe und Lamm, Blume und Rind, Mann und Frau gleichermaßen und nicht unterscheidbar aufgehoben in einer verantwortungsfreien Natur. Die "Erbsünde" als Verstoß gegen ein "Gebot", für welches es dort, wo es gilt, gar keinen Begriff geben kann. Und die Öffnung der Hölle für diejenigen, die in diese normative Dimension hinausgetreten sind. Überraschend ähnliche Mythen finden wir überall auf der Welt. Wer einmal in Max Webers Schriften zur Religionssoziologie geblickt hat, wird die "idealtypische" Betrachtung der Schuld vielfach wiedererkennen.

Tatsächlich ist es ein bisschen anders: Es gibt anthropologisch wie sozial keine starren Grenzen zwischen Innen und Außen; ebenso wenig wie zwischen "Natur" und "Aufklärung". "Moral" als Grundvoraussetzung von "Schuld" und daher auch von Rache ist kein Produkt einer reflektierten Gesellschaft (wie Thomas Hobbes und andere das erklärt haben: "Fassade" vor der wilden Natur), sondern deren Voraussetzung.