Die Schweiz ist besetzt. Nicht von Flüchtlingen. Die Schweiz ist besetzt von der Idee, dass das Böse einen Namen hat. Einen Namen, mit dem Aufmerksamkeit zu generieren ist – Roger Köppel. Der Journalist und Verleger Köppel als Metapher für einen offenkundigen Rechtsrutsch der Schweizer Medien. Köppel als böser Geist von Julius Streicher, NS-Gauleiter und Herausgeber der antisemitischen Wochenzeitung Der Stürmer. Köppel als Verantwortlicher eines hasspredigenden, rassistischen Propagandablattes. Roger Köppel als – Chiffre für politischen Voodoo.   

Und Voodoo soll jetzt auch zur Abwendung kommen, denn: Der Mob will es wissen, der Mob schlägt zurück. Dieses Mal im Namen jenes hinlänglich bekannten deutschen Künstlerkollektivs mit der Bezeichnung Zentrum für Politische Schönheit (ZPS), das im Rahmen eines – sonst laut zu lobenden – politischen Festivals im Theater Neumarkt in Zürich gastiert.

An einem der nächsten friedlichen Abende darf dort das Publikum teilhaben an der sogenannten Aktionskunst des ZPS, an der "endgültigen Verfluchung" des RK nämlich durch einen "renommierten Voodoo-Priester aus Kamerun". Zu diesem Zweck soll eine Prozession des "Schweizer Volkes" von Zürich aus vor die Privatresidenz des Schändlichen führen, wo dortselbst der Exorzismus beginnt. So zumindest ist es angedacht, das zumindest steht in diesem oder ähnlichem Wortlaut auf Flugblättern und Handzetteln.

Doch wieso länger warten? Wer schon heute will, darf schon heute mittun, mitfluchen, mitexorzieren. Sogenannte politische Kunst ist ja inzwischen sogenannt partizipativ. Im Netz gibt es die Möglichkeit im Multiple-Choice-Verfahren (zwei für eins) Köppel mit Flüchen einzudecken. Wen es juckt, darf seine Verwünschungen unter ansprechenden Angeboten auswählen wie – in der Reihenfolge der vom "Schweizer Volk" offenbar bevorzugten Köppel-Laster: zwanghaftes Onanieren, Inkontinenz, Impotenz, Maul- und Klauenseuche.

Eine Albernheit? Nein, eine hirnlose Realsatire. Denn hat man es also bereits vergessen? Dieselben Witzbrüder hatten letzten Herbst im Zürcher Strassenmagazin Surprise gefordert, "Roger Köppel töten". Ein Tötungsaufruf, wozu? Zur Bewerbung ihrer Theaterproduktion, nicht mehr, mehr nicht. Heute nun dem längst zum Tode verurteilten Maul- und Klauenseuche zu wünschen (oder ähnliches Siechtum) kommt de jure einer Begnadigung gleich.

Das Tüpfelchen auf dem i wie Idiotie findet dieses Mal in Anwesenheit des Schweizer Chef-Satirikers/Scharfrichters/Ideologen/Urologen Philipp Ruch höchstpersönlich statt. Der Vordenker des ZPS ist immerhin mit von der Partie und in dieser Funktion zum ersten Mal in der Schweiz. Denn: Aug' um Aug', Zahn um Zahn. Ruch will mit der "Waffe" sogenannter politischer Aktionskunst –, ja, was eigentlich? Roger Köppel spielen?

"Schweiz entköppeln – endlich Sicherheit schaffen" lautet die Losung. Ruch und seine Indianer haben hehre Absichten; man ist gegen "politische Teilnahmslosigkeit, Flüchtlingsabwehr und Feigheit". Und dafür soll jedwedes Mittel den guten Zweck heiligen. Im Ernst? Im Ernst, muss man fürchten, denn der Spaß ist zu dünn, um Konsequenzen zu haben, um als Spaß ernst genommen zu werden. Roger Köppel spielen heißt, im Banne von Roger Köppel stehen. Glückliches Volk, das seinen Feind mit Namen kennt.