Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Vergangene Woche habe ich Grundfragen der "Rache" angesprochen. Man hätte dazu noch manches sagen können. Einige von Ihnen, liebe Kommentatoren, folgten der blassen Fährte des Vorworts und stürzten sich in allerhand Mutmaßungen. Andere bemäkelten dies und anderes, vermissten die Talion oder die Vergeltung, Immanuel Kant oder Peter Sloterdijk, beschworen den Islamismus oder zweifelten die Kenntnisse des Kolumnisten über Hirnforschung an.

Alles wahr, alles interessant (na ja: fast alles). Zur Rache als eigenem Motiv hat sich leider kein einziger Kommentator bekannt. Über sein/ihr Rachebedürfnis hat niemand Zeugnis abgelegt. Dass Rache etwas Niederes sei, scheint Common Sense. Aber stimmt das? Gibt es nicht eine abundante schöngeistige Literatur, die nichts anderes zum Thema hat als die Beschreibung von Ursachen, Ausprägungen, Fantasien, Irrwegen und Erfolgen geträumter, verdienter, gescheiterter, fehlgeleiteter oder triumphierender Rache? Hören wir nicht allwöchentlich, irgendein zu allem entschlossener Kämpfer im Bademantel mit Kapuze und Trockeneisnebel trete an zum ultimativen Revanchefight im Halbschwergewicht? Ziehen nicht die Bruces und Rockies allabendlich los in die Welten jener Vergeltung, die von Hundertschaften hochqualifizierter Emotionsspezialisten exakt nach dem Vorbild unserer Träume erschaffen sind? Gerade hat Leonardo di Caprio den Oskar bekommen für die Darstellung eines Mannes, den nur noch die Rache am Leben hält (The Revenant, 2016). Das Rape-and-Revenge–Filmgenre umfasst Dutzende Werke über Rachefeldzüge verletzter Frauen (Beispiele: Extremities, 1986, mit Farrah Fawcett; Die Fremde in Dir, 2007, mit Jodie Foster).

Mit anderen Worten: Das individuelle wie das kollektive Verhältnis zur Rache als Handlungsmotiv ist überaus zwiespältig. Rache gilt mal als "niedriger Beweggrund" und erhöht die Strafe, mal löst sie als "verständliche Reaktion" Strafmilderung aus. Geschichten über Rache werden gern und bevorzugt gelesen, gesehen, erzählt. Ankündigungen oder Ausschmückungen von Rachebereitschaft für vorerst fiktive Untaten gehören zum Standardrepertoire nicht nur pubertärer Allmachtsfantasien. Öffentlichkeitswirksame, spektakuläre Gewalttaten lösen regelmäßig geradezu exzessive Rachebedürfnisse auch bei Personen aus, die dem Geschehen ganz fern stehen; sie werden von den Massenmedien ebenso regelmäßig abgefragt ("Spontanumfrage in der Fußgängerzone") und wiederum verbreitet, meist nicht als Beleg für die Brüchigkeit des zivilisatorischen Firnis, sondern als Hinweis auf die elementare Verwerflichkeit des verhandelten Verbrechens. Legendär sind die Folterfantasien gutbürgerlicher Spaziergänger bei Befragungen über angemessene Reaktionen auf Entführungen oder auf Sexualmorde an Kindern. Man sollte das öfter abfragen.

Sinn und Zweck

Nehmen wir an, es gebe in der Medizinwissenschaft einen Grundlagenstreit, der sich mit Sinn, Ziel und Aufgabe der Medizin beschäftigt. Die Hälfte der Gelehrten meint: Die Medizin habe die Aufgabe, kranken – gesundheitlich beeinträchtigten – Menschen zum Überleben, zur Genesung, Heilung, Linderung zu verhelfen. Die andere Hälfte meint: Aufgabe der Medizin sei es, die gesunden Menschen davor zu schützen, unnötig zu erkranken. Die Heilung einzelner sei nur insoweit legitimer Inhalt der Medizin, als dadurch die Erkrankung vieler anderer verhindert oder ihre Heilung erleichtert werde.

Wenn Ihnen das zu handwerklich erscheint: Wie sieht es mit der Religion aus? Ist Religion(-swissenschaft) dazu da, die Seele des Herrn Bischof vor der Verdammnis zu retten? Oder soll sie eher der Menschheit als solcher ins Paradies zurückverhelfen? Oder zu wenig handwerklich: Was ist mit der Sozialpädagogik? Dient die Eröffnung eines Jugendzentrums der Resozialisierung der Bewährungsprobanden X und Y oder dem sogenannten Kampf gegen Jugendkriminalität?

Ich bin mir sicher, die meisten von Ihnen halten die Fragestellungen für merkwürdig und würden am liebsten mit einem kräftigen "sowohl als auch" antworten. Wir wollen ja immerzu das eine erreichen, ohne das andere zu verlieren: Das ganz Kleine im ganz Großen analysieren und das Große im Kleinen ändern. Wir wissen freilich nur selten, woher wir wissen, dass das klappen könnte: Das ganze Große ändern, indem wir das Kleine tun. Gut sein! Das Richtige tun! Keinen Weichspüler verwenden. Das Schwein, das man isst, beim Namen kennen. Auch ruhig mal ein Stück Bauchfleisch, statt immer nur Black-Angus-Filet. Haltbarkeit. Abruzzen-Linsen, und Manufactum-Messing für den Garten.

Strafrecht. Der Mensch denkt angeblich seit 10.000 Jahren dauernd darüber nach, wozu es gut sein soll: Man nennt das "Strafrechtstheorie". Angeblich, in ihrer Innensicht, ist sie dazu da, den Menschen eine Entscheidung darüber zu ermöglichen, ob sie Straf-Recht haben, nutzen, anwenden wollen, und auf welche Weise und nach welchen Maßstäben dies geschehen soll.

Da gibt es die A-Theorie und die B-Theorie, obendrein die G-Theorie, und alle anderen sowieso. Die Universitäten halten Planstellen für Menschen bereit, die alle Theorien auswendig kennen, eine von ihnen "vertreten" (weil ihr hochverehrter Herr Lehrer sie einst schon vertreten hat), und jungen Menschen beibringen wollen, alles andere sei intellektuell defizitär. Irgendwann, so denken später die Schüler dieser Lehrer, werden wir erkennen, was die Wahrheit ist über den Sinn des Strafrechts – oder Claus Roxin wird es uns sagen (oder eine Berufungskommission). Dann wird anheben ein Summen und Sausen, ein Frohlocken und Triumphieren. Alle Menschen werden glücklich sein und tagein, tagaus andere bestrafen: Weil es gut ist, wie es ist; weil sie die richtige Theorie erkannt haben; weil die Wissenschaft festgestellt hat, dass Strafen nichts ist, dessen wir uns schämen müssen – sogar der Weiße Ring fordert, dass es sein muss auf immerdar. Und der Weiße Ring weiß alles, neben dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN), ja nun wirklich ganz genau.

Nun könnte man sagen: Die Menschen haben sich für die Theorien des Strafens nie interessiert, aber stets freudig gestraft. Das wäre eine populäre, aber intellektualitätsfeindliche Denunziation. Umgekehrt könnte man sagen: Die Theoretiker des Strafens haben schon immer das in ihrer Lebenswelt Vorgefundene mehr oder minder genial abstrahiert, mit Brimborium geschmückt und als Weltgesetz wieder ausgeschieden. Das ist zwar nicht viel freundlicher, aber sympathisch nah dran an der achten und der elften These des Herrn Karl Marx über Ludwig Feuerbach (1845/1888), und zutreffend obendrein:

8: Alles gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch. Alle Mysterien, welche die Theorie zum Mystizismus veranlassen, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und im Begreifen dieser Praxis.

11: Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kömmt drauf an, sie zu verändern.

Das aber ist ja nun auch nur wieder Spiegelung. Die frühen Jünger des Kommunistischen Bundes Westdeutschland oder gar die proletarisch-frankfurterischen Weltaußenminister in spe hatten das Anno Domini 1972 übersehen, heuerten bei Opel Rüsselsheim am Band an und veränderten die große Pausenwelt des Imperialismus für geschlagene vier Monate, ihre eigene kleine Welt aber für alle Ewigkeit. Dann beschlossen sie, schockiert von den schrecklichen theoretischen Irrtümern der Meinhofs + Baaders, doch lieber Politiker zu werden und die Revolution bleiben zu lassen. Denn niemals zuvor hatten sie, als sie im Westend Stahlkrampen mit Präzisionskatapulten auf Polizisten schleuderten, für möglich gehalten, dass dieser unschuldige kleine Protest in "Gewalt" ausarten könnte. Und niemals, als sie Ignaz Bubis an die Wand schrien, hätten sie gedacht, der Jude könne ihnen leibhaftig begegnen.