Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Vorwort: Rückblick und Echo

Bitte erlauben Sie mir, liebe Leser der heutigen Kolumne, einen kleinen Rückblick auf die vorausgegangenen vier voranzustellen. Der Grund dafür ist einfach. Wenn man schreibt: "Nieder mit der Ärztekorruption!", kriegt man einige böse, aber auch zahlreiche zustimmende Kommentare und E-Mails von Ärzten. Wenn man schreibt: "Der Gesetzgeber (hat) versagt", kriegt man massenhaft Zuschriften, die mal das eine, mal das andere meinen. Auch von Abgeordneten. Alles ganz normal. Anderes widerfährt einem, wenn man schreibt, dass die Presse vielfach unzutreffend, verzerrt oder tendenziös über das Strafrecht berichte. Man bekommt auch dann Lob: verdient oder unverdient, von den Richtigen oder den Falschen. Aber praktisch keines von Vertretern der Presse.

Im Gegenteil. "Die Presse", meint die Presse, sei sowieso eine vollkommen unzureichende Pauschalbezeichnung. Von 30 Journalisten, mit denen der Kolumnist gesprochen hat, meinten 29, sie selbst, ihr Medium, ihre Redaktion und ihre Arbeit könnten unmöglich mit den (angeblich feindseligen, "pauschalisierenden" oder verzerrenden) Urteilen des Kolumnisten gemeint oder getroffen sein. Diesem mangele es eklatant an Differenzierung, Genauigkeit und Unterscheidung von "Qualität" und "Nicht-Qualität". Ein besonders schmerzlicher Vorwurf: Der Kolumnist "betreibe das Geschäft von Pegida". Manche meinten, im Vertrauen, man dürfe die von mir kritisierten Beispiele sowieso nicht dem "Qualitätsjournalismus" zurechnen.

All das ist – mit Verlaub – erstaunlich, bedenkenswert, bedrückend, interessant. Woher kommen solche Wahrnehmung und solches Echo von "Betroffenen"? Möglichkeit eins: Der Kolumnist hat alles falsch gemacht. Unwahrscheinlich. Möglichkeit zwei: Die Profis des Kommunikationsgewerbes, die Kritik von außen ansonsten nur aus "Leserbriefen" kennen, reagieren auf Kritik so souverän wie der Vorstand eines Karnickelvereins auf den überraschenden Antrag zu seiner Abwahl. Da ist wahrscheinlich was dran, aber in dieser Breite ist es auch unwahrscheinlich. Möglichkeit drei: Irgendetwas funktioniert kommunikativ nicht richtig.

Ich entscheide mich für die Variante drei. Und sage: Verehrte Qualitätsjournalisten! Lassen Sie mich eingangs sagen, dass ich diesen Begriff, den Sie für sich ausgewählt haben, um sich von irgendeinem verachteten Untergrund zu differenzieren (wenn er nicht dabei ist), ausgesprochen albern finde. Es ist daher wahrscheinlich, dass er mir etwas ironisch herausrutscht. Kein Richter, Rechtsanwalt, Schriftsteller oder Musiker würde auf die Idee kommen, sich öffentlich als "Qualitätsjurist, -musiker usw." zu bezeichnen, um sich damit von einer imaginären Bande von Nichtskönnern abzuheben, die immer aus denen besteht, die gerade nicht mit am Tisch sitzen. Schon das (ganz ernsthafte!) Hervorheben des Begriffs des "Qualitätsjournalismus" und der Vorwurf an den Kolumnisten, er verwende dieses Wort "ironisch" (wohl wahr!), offenbart das Jammertal eines Berufsstands, der sich als solcher ständig in einer Selbstbehauptungs- und Verteidigungsposition wähnt.

Dabei wäre das gar nicht erforderlich. Ich selbst – wie auch die große Mehrzahl der Leser, Hörer und Zuschauer – erkennen und entdecken hohe Qualität im Journalismus überall, und benötigen dafür kein handgemaltes Etikett. Ich bewundere, fordere, genieße und lobe die Qualität journalistischer Arbeit, wo immer ich kann. Sie findet im Fernsehen statt, im Hörfunk und in Zeitungen, im Internet und sonst wo. Muss man, Qualitätsjournalisten, dies hier wirklich schreiben, damit nicht am Ende das Volk da draußen denkt, der Kolumnist halte alle Presse für Teufelszeug?

Qualität findet überall statt. In der Justiz zum Beispiel findet jeden Tag eine erstaunliche, beeindruckende und erfreuliche Menge von Qualitätsarbeit statt. Auch bei Augenärzten, Versicherungen, Straßenbauämtern, Änderungsschneidereien und Kraftfahrzeugzulassungsstellen, von den Werkstätten, Installateuren und Hühnchenschlachtern ganz zu schweigen. Hat dies eigentlich jemals – und wann war das? – die Presse dazu veranlasst, in ihre sämtlichen wöchentlichen Mängel- und Skandalberichte über "die Justiz", "die Krebsmafia", "die Pharmaindustrie", "die Banker", "die Schweinemastkartelle" und all die anderen zahllosen Krebsgeschwüre unserer Zivilisation stets pflichtgemäß hineinzuschreiben, es gebe auch 22 tadellose Versicherungsvertreter, vier supergute Bankberater und neben jeder faulen auch eine fleißige Familienrichterin? Mir ist solches nicht aufgefallen. Ich werde demnächst verstärkt darauf achten, ob in jedem kritischen Presseartikel über die Justiz auch immer steht, dass die jeweilige Kritik natürlich nur einen verschwindend geringen Teil der Justiz betreffe, während diese den überwältigenden Teil ihrer Aufgaben überzeugend und vorbildlich erledige. O je! Schon wieder Ironie! Hoffentlich merkt es keiner!