Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

In der vergangenen Woche habe ich mich bemüht, Ihnen ein paar ebenso uralte wie notorisch ungewohnte Fragen zum Thema "Rausch, Gefahr und Strafrecht" zu stellen: Woher nehmen wir die Maßstäbe, nach denen wir "Gefährlichkeit" bestrafen? Warum ist jemand mit 1, 1 Promille Blutalkohol "absolut" fahruntüchtig und kriminell, jemand mit 1,09 Promille aber nicht? Und so weiter.

Im Rausch – aktuell

Seither ist die Thematik um einen neuen Knaller erweitert worden. Ich meine natürlich den unglaublichen Skandal um den Politiker Volker Beck, einen hochverdienten Abgeordneten des Deutschen Bundestags, Kämpfer für Schwulen- und Lesbenrechte, Vertreter einer liberalen Drogenpolitik, unermüdlicher Läufer gegen die Wände der Ignoranz. Seit letzter Woche wissen wir nun, was er in Wahrheit ist: "Selbsternannter Moralapostel", schrieb der eine, "überdrehter Aktivist", kommentierte die andere.

Gewiss, ganz zufällig wurde Beck im nächtlichen Berlin nämlich einer Fahrzeug- und Leibeskontrolle unterzogen und hatte null Komma sechs Gramm einer betäubungsmittelverdächtigen Substanz bei sich. Diese Diagnose hätte an diesem Abend auch auf weitere 30.000 Berliner zugetroffen. Aber das ist jetzt auch egal, denn jeder Berliner mit einer betäubungsmittelverdächtigen Substanz ist einer zu viel, weiß der Kriminalkommissar, und am Ende handelt es sich sowieso wieder bloß um die Spitze eines Eiskristallbergs.

Ach Du meine Güte! Da wird doch nicht etwa ein Sieben-Tage-Sechzehn-Stunden-Politiker eine "Substanz" zu sich genommen haben? Reihenweise fallen in der betroffenen Bürgerrechtspartei seit jenem 2. März die vorsitzenden Cannabispflanzer mit Balkon und die ostdeutschen Teetrinkerinnen rechts und links von dem enttarnten Schwerverbrecher ab. Sie haben es ja, wie man wispern hört, immer schon gesagt, aber aus purer Menschenliebe halt bloß ganz leise. Ein "schweres Fehlverhalten" hat der Ministerpräsident von Stuttgart 21 aus der Ferne diagnostiziert, und Frau Göring-Eckardt hat dem Deutschlandfunk gesagt, 0,6 Gramm einer verdächtigen Substanz hätten nur wahrlich "nicht das Geringste" mit einer liberalen Drogenpolitik zu tun.

Es sind also Fachleute am Werk, allesamt im Wahlkampfmodus – wie Kermit, der Frosch, zwei Minuten vor der Live-Ausstrahlung: Applaus, Applaus! Jetzt bloß keinen evangelisch-müslisüchtigen Trollingerfreund aus Tübingen verunsichern, dass er am Ende in der Wahlkabine das Zittern kriegt und in der Zeile verrutscht!

Apropos Spitze des Eisbergs: Das kann ja nun wirklich noch nicht alles gewesen sein! Mein Gott, was mag da noch für ein Abgrund dahinter gähnen! Jawohl, Leser, Leserinnen, Verbrecher und Verbrecherinnen: Da stecken mindestens 30 Tonnen Kokain dahinter, die das deutsche Volk sich jedes Jahr auf die Schleimhäute streut. Plus Ketamin, Amphetamin-Derivate jeglicher Art, Crystal und Ephedrin, Hitlers Vitaminpillen und Jägermeister in handlichen Verbrauchsdosierungen von 0,05 bis 1,5 Liter für den kleinen und den großen Durst. Jahrzehntelang waren Stoffe mit deutlicher Ähnlichkeit zu Crystal bei deutschen Dealern in den besten Lagen, firmierend unter "Goethe-, Schiller-, Schloss- oder Kreuzapotheke", frei verkäuflich unter der Rubrik "Appetitzügler". Nahm der adipöse oder ermattete Deutsche zehn statt einer Kapsel, drehte er voll auf, schlief zwei Tage nicht und mutmaßte ernsthaft, demnächst den Nobelpreis für seine göttlichen Penne arrabiata zu kriegen.

Was ich Ihnen damit sagen will? Fallen Sie doch nicht immer auf immer dasselbe Spiel herein. Denken Sie an Jägermeister und Eierlikör, Appetitzügler und Serotoninabbauhemmer in Ihrem eigenen Leben und dem Ihrer Lieben. Fragen Sie die Politiker Ihres Vertrauens, auf welche wunderbare Weise es ihnen gelingt, seit 20 Jahren sieben Tage die Woche vierzehn Stunden für nichts als unser aller Wohl zu arbeiten, ohne abhängig, abgedreht, depressiv, therapiert, verzweifelt, süchtig oder verrückt zu sein.

Wenn aber die Antwort lautet: Meine ganze Kraft kommt aus der Liebe zu meiner Familie, zu Deutschland, zur Exportwirtschaft und zum Abendland, dann glauben Sie jedes Wort. Denn der besorgte Bürger könnte es nicht ertragen, wenn so viel Inbrunst gelogen wäre. Fehlerfreie Aufrichtigkeit bis in die verstecktesten Winkel seiner Seele und seines Lebens ist es nämlich, was er, dem eigenen Vorbild folgend, von seinen Abgeordneten verlangt.

So hat sich denn, ganz schnell und beinahe unhörbar, ein weiterer Politiker in Luft aufgelöst, weggeblasen wie ein Häufchen Puderzucker auf der Fensterbank, wie schon die Herren Edathy oder Hartmann. Alle sind erleichtert, dass er keinen großen Aufriss macht, und erfüllt vom "Respekt" vor der Großtat, innerhalb von sechs Stunden von sich selbst zurückzutreten. FJS, der unvergessene Held, der sich einst von keinem Promille dieser Welt davon abhalten ließ, eine Fernsehrede an die Zwergennation zu halten, hätte sich gewundert. Aber der war ja auch nicht schwul, und von Eisbergen unter Wasser verstand er als Ananaspflanzer in Alaska allemal etwas.