Der Text ist ein Auszug aus Jens Mühlings Buch "Schwarze Erde. Eine Reise durch die Ukraine", das am 11. März bei Rowohlt erschienen ist.

Der Bus fuhr quer durch den Donbass, bis zur russischen Grenze. Keine 150 Kilometer trennten mich von Milowe, einem Ort, von dem ich gehört hatte, dass er zur Hälfte in der Ukraine und zur anderen Hälfte in Russland lag.

Ich ahnte nicht, dass es die deprimierendsten 150 Kilometer meiner gesamten Reise werden würden. Von etwa drei Stunden Fahrt war ich ausgegangen. Es wurden mehr als sieben. Die schmalen Landstraßen sahen aus, als habe ein wütender Gott den Asphalt zertrümmert, stellenweise konnte der Bus die tiefen Schlaglöcher nur im Schritttempo umkurven. Der Verfall setzte sich an den Straßenrändern nahtlos fort, überall sah ich verlassene Industriebauten, marode Kolchosen, eingestürzte Lagerhallen, verfallende Wohnhäuser. Die kleinen Orte, durch die wir fuhren, schienen jeden Daseinsgrund eingebüßt zu haben, ihre Fabriken waren außer Betrieb, ihre Läden verrammelt. Nur die Menschen waren geblieben, warum auch immer. Ohnmächtig sahen sie zu, wie sich ihr Lebensraum auflöste, niemand schien die Kraft zu haben, dem allgegenwärtigen Verfall etwas entgegenzusetzen. Die Straßen, die Plätze, selbst die Häuser waren vollkommen schmucklos.

In der Mitte jedes Orts stand ein leerer Denkmalsockel. Überall in der Ukraine waren seit der Maidan-Revolution die alten sowjetischen Lenin-Statuen gestürzt worden. Obwohl mir der Anblick inzwischen bestens vertraut war, deprimierte er mich plötzlich. Ich weinte Lenin und seinen Denkmälern keine Träne nach, aber ihr Fehlen unterstrich hier nur die allgemeine Trostlosigkeit. In jeder ruinierten Siedlung stand jetzt noch eine Ruine mehr – ein sinnentleerter, bröckelnder, hässlicher Sockel.

"Sie reißen die Denkmäler ab, ohne uns zu fragen", sagte der alte Mann, der im Bus neben mir saß. "Niemand hat diese Leute hier vorher gesehen, es sind Fremde. Sie tauchen auf, schreien ,Ruhm der Ukraine‘, dann schlagen sie Lenin kaputt und verschwinden wieder."

Je weiter wir Richtung Osten fuhren, desto deutlicher spürte ich, dass hier etwas schief lief. Vor der Abfahrt war mir nicht klar gewesen, dass die gesamte Grenzregion zum "Territorium des Antiterroreinsatzes" gehörte, wie die frontnahen Gebiete in der Ukraine offiziell genannt wurden. Vor und hinter jedem Ort hatte die ukrainische Armee Straßensperren errichtet, an denen bewaffnete Soldaten den Bus anhielten. Sie kontrollierten Ausweise, durchsuchten Gepäckstücke, stellten Fragen. Kaum waren sie ausgestiegen, begannen die Passagiere zu fluchen. Sie beschwerten sich über die Verzögerungen, die seit anderthalb Jahren jede Reise zur Schikane machten, sie klagten über die misstrauischen Fragen der Soldaten, über ihr feindseliges Auftreten. Ein tiefer Graben schien die Armee von der örtlichen Bevölkerung zu trennen, es wirkte, als seien vielen Menschen hier die Bewaffneten genau so fremd wie die angereisten Patrioten, die Lenins Denkmäler zerschlugen.

Am letzten Kontrollposten vor Milowe wurde ich aus dem Bus geholt.

"Was machen Sie hier?", fragte einer der Soldaten. Anklagend hielt er mir meinen deutschen Pass vor die Augen.

Ich erklärte, dass ich Journalist sei und mir das Grenzgebiet ansehen wolle.

"Das Grenzgebiet ansehen? Machen Sie Witze?"

Beschwichtigend fuhr ich fort, dass mein Besuch nichts mit dem Krieg zu tun habe, mich interessiere nur, wie die Menschen auf beiden Seiten der Grenze...

"Auf beiden Seiten? Sie wollen nach Russland?"

Ich nickte.

"Holen Sie Ihr Gepäck aus dem Bus", knurrte der Soldat. "Sie bleiben hier."

Der Bus fuhr ohne mich weiter. Man führte mich in einen kleinen Bretterverschlag, den die Grenztruppen als Stabquartier nutzten. Der Soldat, der immer noch meinen Pass in der Hand hielt, verständigte telefonisch einen Vorgesetzten. Während wir auf ihn warteten, stellte er mir Fragen zu jedem einzelnen Stempel in meinem Pass. Sein Gesichtsausdruck wurde nicht freundlicher, als er hörte, dass ich auf der Krim und im Separatistengebiet gewesen war.

Der vorgesetzte Offizier, der nach zwanzig Minuten eintraf, war umgänglicher. Er erklärte mir, dass es in Milowe keinen internationalen, sondern nur einen zwischenstaatlichen Grenzübergang gab. Russen und Ukrainer durften ihn überqueren, Ausländer nicht.

"Die Grenze hier ist ein bisschen ungewöhnlich", sagte er. "Kommen Sie mit, ich zeige es Ihnen."

In seinem Militärjeep fuhren wir nach Milowe. Vor einer Kreuzung am Ortseingang hielt der Offizier an. Auf der anderen Seite mündete die Straße in einen asphaltierten Korridor. In etwa hundert Meter Entfernung sah ich einen geöffneten Schlagbaum.

"Das ist der Grenzübergang", sagte der Offizier. "Davon halten Sie sich fern. Verstanden?"

Ich nickte.

Wir bogen nach rechts ab und folgten einer Straße, die sich quer durch den Ort zog.