8.820 Euro – vor dieser Summe fürchtet sich der Brite Matt Hanley nach einem möglichen Austritt aus der Europäischen Union am meisten. Knapp 9.000 Euro müssen Studenten aus Nicht-EU-Ländern auf dem Konto haben, um in Deutschland studieren zu können. Bislang zahlt Hanley als EU-Bürger nur die üblichen Studiengebühren. "Für mich hängt davon ab, ob ich weiter studieren kann oder nicht", sagt Hanley, 36, der im Herbst seinen Master in European Studies an der Freien Universtität in Berlin beginnt. 

Ob Studenten aus England nach einem Austritt tatsächlich Gebühren für internationale Studenten zahlen müssten, ist unklar – wie vieles rundum den Brexit. Weder die Regierung noch die Austritt-Befürworter können den Wählern sagen, was die Briten im Falle des Brexits erwartet.

Zwei Monate vor der Abstimmung Ende Juni kommen deshalb Briten in Berlin, Hamburg und München zusammen und stellen Fragen, die von der Politik unbeantwortet bleiben: Welchen Status etwa hätten englische Studenten und Wissenschaftler im Ausland? Werden Berufsabschlüsse aus England hier noch anerkannt? Und was passiert mit gleichgeschlechtlichen Ehen, die in Großbritannien abgeschlossen wurden und bislang unter EU-Recht auch in Deutschland gültig waren?

Briten im Ausland sollten sich für die Abstimmung anmelden

"Wir haben mit unseren Treffen einen Nerv getroffen", sagt Jon Worth. Der 35-Jährige hat die Runde zusammen mit Matt Hanley organisiert hat. Auf dem ersten Treffen Ende Februar in Berlin haben Hanley und Worth mit zwanzig Leuten gerechnet, es kamen 120. In München waren es 50, in Hamburg kamen vor wenigen Tagen rund 70. Insgesamt leben derzeit rund 100.000 Briten in Deutschland. Die wollen Hanley und Worth erreichen.  

"Das Wichtigste ist jetzt, dass sich die Briten im Ausland für die Wahlen registrieren", sagt Worth. Nur wer sich bis zum 7. Juni registriert, kann am 23. Juni  abstimmen. Von den etwa fünf Millionen Briten, die laut Schätzungen der World Bank derzeit im Ausland leben, haben bei den Parlamentswahlen 2015 nur 106.000 gewählt. Das ist ein Bruchteil der Wahlberechtigten, selbst wenn man davon ausgeht, dass einige Auswanderer ihr Wahlrecht nach 15 Jahren im Ausland verloren haben.

Die Stimmen aus dem Ausland könnten wichtig sein für das Referendum. Denn Briten, die in anderen europäischen Ländern leben, haben ein besonderes Interesse am Verbleib in der EU. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitut YouGov zeigt, dass vor allem Menschen unter 30 mit Universitätsabschluss gegen den Austritt stimmen wollen. Diese diese Gruppe lebt am ehesten im Ausland. Damit möglichst viele Briten in Deutschland am 23. Juni ihre Stimme abgeben, wollen Hanley und Worth eine Kettenmail mit einem Link zur Wahl-Registrierung verschicken.

Irische Staatsbürgerschaft als Notlösung

Doch längst nicht alle Briten in Deutschland verlassen sich darauf, dass gegen den Brexit abgestimmt wird. Sie sorgen vor: Wer mindestens sechs Jahre in Deutschland gelebt hat, kann sich um einen deutschen Pass bewerben. Der Autor und Blogger Brian Melican aus London lebt seit 2008 in Hamburg und hat die deutsche Staatsbürgerschaft dieses Jahr erhalten. "Ich scheue das Risiko, deshalb lebe ich ja in Deutschland", sagt Melican, der an dem Treffen in Berlin teilgenommen hat.

Ein anderer beliebter Ausweg, sich gegen den ungewissen Ausgang des Referendums abzusichern, ist die irische Staatsbürgerschaft. Schätzungen zufolge haben sechs Millionen Wahlberechtigte in Großbritannien irische Vorfahren. Allein im vergangenen Jahr ist die Anzahl von Briten mit irischen Großeltern, die sich um einen irischen Pass beworben haben, um 33 Prozent gestiegen. Auch Hanley hat seit einigen Wochen ein neues Interesse für die irischen Vorfahren seines Vaters entwickelt. Ein Versuch ist es wert, sagt er.