Der Bundesanwalt schickte die GSG 9 nach Freital. Am frühen Dienstagmorgen nahmen die Elitepolizisten vier Männer und eine Frau fest. Ihnen werden schwerste Straftaten vorgeworfen: Mordversuch, Gefährliche Körperverletzung, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion, Vorbereitung eines Explosionsverbrechens. Ermittelt wird auch wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung.

Ein Kopf der Bande soll Timo S. sein. Für den Generalstaatsanwalt in Dresden war er noch bis vor drei Monaten ein "unbeschriebenes Blatt". Für die Bundesanwaltschaft ist er seit Dienstag ein gefährlicher Rechtsterrorist.

Während man in Dresden im Januar immer noch argumentierte, Timo S. sei nicht vorbestraft, und sich nicht dazu äußern wollte, ob er rechtsextreme Motive oder Verbindungen habe, hält die Bundesanwaltschaft Timo S. für den Rädelsführer einer mutmaßlich rechtsterroristischen Zelle, die mehrfach Flüchtlingsunterkünfte mit Sprengsätzen angegriffen haben soll.

Der Zugriff in Freital ist ein Signal. Das erste Mal übernimmt die Bundesanwaltschaft bei Übergriffen auf Flüchtlingsunterkünfte die Ermittlungen – weil es sich ihrer Ansicht nach um Terrorismus handelt. Die Bundesanwaltschaft nennt die Zelle "Gruppe Freital". Fünf mögliche Mittäter von S. wurden festgenommen. Timo S. und zwei weitere sitzen wegen anderer Vergehen schon länger in Untersuchungshaft, ihre Haftbefehle wurden nun erweitert. Einer von ihnen, Patrick F., soll der zweite Anführer der Gruppe sein.

Festnahmen schon im November

Noch ist wenig bekannt über die meisten Mitglieder der Gruppe, selbst Kennern der rechtsextremen Szene in Sachsen fällt zu vielen der unter Terrorverdacht stehenden Beschuldigten nichts ein. Fast alle sind jung, zwischen 20 und 30 Jahre alt, nur der 39-jährige Rico K. sticht heraus. Mindestens gegen einen Teil der Gruppe wird schon seit vergangenem November ermittelt. Damals wurden Timo S., Philipp W. und Patrick F. verhaftet. Im Zuge dieser Ermittlungen war auch Maria K. festgenommen worden, ihr Haftbefehl wurde jedoch unter Auflagen außer Vollzug gesetzt, Maria K. durfte damals wieder nach Hause gehen. Heute wurde sie abermals festgenommen.

Schon damals hatte die Generalstaatsanwaltschaft Dresden gegen einen größeren Personenkreis um Timo S. ermittelt, insgesamt sechs Männer und eine Frau. Die Ermittler hatten in jenen Tagen unter anderem unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen, insbesondere Cobra-12-Sprengkörper – das sind große "Tschechenböller" –, Kugelbomben und Schwarzpulver gefunden, außerdem Vermummungsgegenstände, eine Hakenkreuzflagge und weitere nationalsozialistische Devotionalien. Doch die Dresdner Staatsanwälte sahen darin kein zusammenhängendes Verfahren, sondern klagten die Fälle getrennt vor dem Amtsgericht an, der niedrigsten möglichen juristischen Instanz. Auch einen Termin für die Verhandlung gab es schon, sie sollte im Juni beginnen. Allein Timo S. sollte sich schon im Januar wegen schwerer Körperverletzung verantworten.

Gefährliche Bürgerwehr?

Nun zeigt sich offenbar die wahre Gefahr, die in Freital entstanden ist. Wobei die Bundesanwaltschaft immer noch sehr zurückhaltend antwortet, wenn sie gefragt wird, wie sich diese Gruppe entwickeln konnte und in welchem Umfeld sie agierte.

dpa
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Falsch. Timo S. gilt bei der Staatsanwaltschaft als "unbeschriebenes Blatt".

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Falsch. Das sind laut Ermittlern "junge Leute, die in alkoholisierter Stimmung auf eine folgenschwere Idee gekommen sind".

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Falsch. Die Staatsanwaltschaft "will das nicht beurteilen".

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Timo S. war nach Angaben der Ermittler in Dresden erst im Oktober 2014 von Norddeutschland nach Sachsen gezogen. Dort gehörte er im Frühjahr 2015 zum Gründungszirkel der Bürgerwehr FTL / 360. FTL wie das Kfz-Kennzeichen von Freital bei Dresden. 360 wie jene Buslinie, in der Timo S. und sein Mitstreiter Philipp W. beide als Busfahrer eingesetzt waren. Im September 2015 postete die Bürgerwehr auf ihrer Facebookseite über ein Rechtsrock-Konzert in der sächsischen Gemeinde Zobes. Sie verbreitete einen Einladungsflyer mit der Forderung "Freiheit für Horst Mahler", einem mehrfach wegen Volksverhetzung verurteilten Neonazi. Sie warb für Rechtsrock-Bands wie Die Lunikoff Verschwörung. Wer es wissen wollte, konnte in Timo S. auch schon seit 2009 einen gewalttätigen Neonazi erkennen.

Das Innenministerium Sachsen teilte jedoch im Sommer 2015 auf eine parlamentarische Anfrage der Linken im Landtag mit: Dem sächsischen Verfassungsschutz lägen "keine Erkenntnisse über tatsächliche Anhaltspunkte für extremistische Bestrebungen einer ‘Bürgerwehr FTL / 360’ vor".