Der Pflichtverteidiger hatte Frank S. geraten zu schweigen. Die Auswahl des Opfers, die Mordabsicht, das Motiv – all das hätte das Gericht dann mühsam rekonstruieren müssen. Doch S. hat ausgesagt: Um zu erklären, warum er am 17. Oktober 2015 zwei Messer eingesteckt, einen Wahlkampfstand aufgesucht und dort der Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker eine 30 Zentimeter lange Klinge in den Hals gerammt hatte, bis zur Wirbelsäule. S. erzählt davon, weil er sich auf einer politischen Mission wähnt und zu seiner Tat selbst die Deutung liefern will.

Reker überlebte, weil das Messer die Luftröhre nicht ganz durchtrennte, weil sie weiß, wie man eine Blutung selbst stillt und weil die anschließende Notoperation gut verlief. Einen Tag später wählten die Kölner Reker zu ihrer Oberbürgermeisterin. Am heutigen Freitag sagt sie im Prozess gegen ihren Attentäter aus. Frank S. wird etwa fünf Meter neben ihr Platz nehmen.

Seit zwei Wochen läuft der Prozess wegen versuchten Mordes in Düsseldorf, und der 44-jährige S. hat auch über Dinge gesprochen, die nichts mit dem Tag der Tat zu tun haben. Die Gewalt seines Pflegevaters in Bonn, zum Beispiel. Wenn der am Wochenende nach Hause kam, "hieß es Reißaus nehmen", sagte S. vor Gericht. Wenn der Vater ausholte, um einen seiner anderen Schutzbefohlenen zu verdreschen, sei Frank S. dazwischen gegangen. "Ich hatte einen Beschützerinstinkt", sagt er. Mit 18 hätte die Familie ihn in den Urlaub geschickt, dann ohne Geld in Spanien hängen lassen und bei seiner Rückkehr habe er die Außentür zu seinem Zimmer zugemauert vorgefunden. Seine Sachen waren schon im Müll.

S. wirkt erleichtert

Im Gerichtssaal wirkt S. nicht so, als würde er sich das gerade ausdenken, sondern als sei er froh, dass alles auf den Tisch kommt. Die Vorsitzende Richterin Barbara Havliza fragt freundlich, Frank S. bemüht sich, alles zu beantworten und ins Mikrofon zu sprechen. Man merkt, dass es ungewohnt für ihn ist, längere Zeit frei zu reden. Aber er wirkt auch erleichtert.

Beruflich lief es gut für ihn, sagt S. Ein Malerbetrieb übernahm ihn als Auszubildenden. Er konnte direkt ins zweite Lehrjahr einsteigen, weil er schon so viel Erfahrung mit Helferjobs hatte. Nur die Bonner Antifa machte ihm immer Probleme, sagt er. Jeden zweiten Tag habe sie ihm aufgelauert. Er hatte zu kurze Haare, die falschen T-Shirts an. Das habe gereicht.

Seine Freunde waren damals die Berserker, eine Clique ohne Anführer, Struktur oder politischen Anspruch. Frank S. ließ sich den Namen quer über seinen Bauch tätowieren, als Einziger. Als Nazi habe er sich nie bezeichnet. "Man war ja nicht der Jäger, sondern der Gejagte", sagt er heute noch immer. In den Diskos seien die Ausländer mit Waffen rumgelaufen. "Wenn ich sehe, dass Leute bedrängt oder zusammengeschlagen werden, dann schreite ich ein." Verurteilt wurde danach immer nur er, sagt er, nie die Ausländer oder die Antifa.

Für Frank S. ergeben seine Geschichten alle einen Sinn

Glaubt man der Erzählung von S., dann ist er ein Rebell, der sich nicht auf Demos traut. Ein Gejagter, der fürs Jagen verurteilt wird. Ein begabter Maler, der ständig seine Stelle verliert. Ein Beschützer, mit dem die Pflegeeltern nicht zurechtkommen. Später wird er Polizisten und eine psychiatrische Gutachterin der Lüge bezichtigen. Nie habe er gesagt, was diese in ihren Berichten festgehalten haben.

Frank S.' Geschichten haben Brüche, vieles erscheint unlogisch. Doch in seinem Kopf passt alles zusammen. Nie lässt er Zweifel erkennen, dass sich alles so zugetragen hat, wie er sagt.

Wegen der Schlägereien sammelten sich bei Frank S. Bewährungsstrafen an, Ende der Neunziger wurde es einem Richter zu viel. Frank S. kam für rund drei Jahre ins Gefängnis. Er sagt: Selbst die Beamten dort fanden, es sei eine Sauerei, dass er so lange sitzen müsse.