Von wegen der Islam gehört nicht zu Deutschland. Jetzt fordert sogar der CSU-Mann Andreas Scheuer einen deutschen Islam. Zwar ganz populistisch mit einem Gesetz, das Muslime nur in ihre Grenzen weist, statt sie gleichzeitig zu unterstützen. Aber immerhin.

Seine Vision scheint auf den ersten Blick sinnvoll: Imame predigen in hiesigen Moscheen auf Deutsch. Weder Gotteshäuser, Koranunterricht noch islamische Kindergärten oder Schulen werden aus dem Ausland finanziert und damit auch gelenkt.

Das hieße nicht nur, dass etwa radikale Islamauslegungen aus Saudi-Arabien an Einfluss verlieren würden. Auch das türkische Religionsamt Diyanet würde über seinen deutschen Ableger Ditib nicht mehr über die größte Zahl der deutschen Moscheen bestimmen. Bisher werden die Imame der Ditib meist nur für wenige Jahre nach Deutschland geschickt, haben kaum Zeit, Deutsch zu lernen und sich in die hiesige Gesellschaft einzufügen.

Wie müsste man die Vision von Herrn Scheuer weiterspinnen? Die Moscheen würden ab jetzt ausschließlich Imame einstellen, die in Deutschland studiert haben – sich also hier auskennen und eine fundierte Ausbildung haben. Sie wären in der Lage, den Islam wissenschaftlich (am liebsten liberal und kritisch) zu interpretieren. Sie wären seelsorgerisch fit. Sie würden sich in der deutschen Gesellschaft und mit deutschen Jugendkulturen auskennen. Ihre Moscheen könnten also auch viele junge Leute anziehen, die nach Spiritualität suchen, und damit Radikalisierungstendenzen entgegenwirken.  

Klingt gut, oder? Leider sind da die vielen Abers. Der deutsche Islam ist viel zu komplex. Diese naive Vision passt nicht ganz zur Realität.

Die deutsche Sprache

Viele Moscheegemeinden, beispielsweise das Al-Nour-Zentrum in Hamburg, vereinen so viele Nationalitäten, dass ihre gemeinsame Sprache zwangsläufig sowieso schon Deutsch ist. Predigten werden übersetzt oder gleich auf Deutsch gehalten. Außerdem sind inzwischen viele junge Muslime in Deutschland aufgewachsen und beherrschen die Sprache ihrer Eltern oder Großeltern gar nicht mehr gut – auch der Koranunterricht findet deshalb oft auf Deutsch statt. Gottesdienste werden also auch ohne Zwang immer deutscher.

Nur leider ist die deutsche Sprache kein Garant für Demokratie. Gerade die salafistischen und dschihadistischen Prediger können nicht nur deutsch, sondern kennen sich auch sehr gut in der Lebenswelt vieler Jugendlicher aus. Umgekehrt war ausgerechnet die türkische Ditib zumindest bisher ein recht verlässlicher, berechenbarer Partner. Es ist unbestreitbar ein Problem, dass ihre Imame schlecht deutsch sprechen und viel zu schnell wieder verschwinden. Sie sind aber immerhin gut ausgebildet und einzelne bemühen sich sehr erfolgreich um Prävention und Jugendarbeit. Außerdem können sicher auch viele andere Predigten ausländischer Imame eine theologische Bereicherung für eine Gemeinde sein. Deutsch = demokratisch, ausländisch = radikal – das sind zu einfache Gleichungen.

Imame aus Deutschland

Wichtig ist also die Ausbildung. Die Islamische Theologie ist an deutschen Universitäten zwar sehr beliebt. Etwa 1.800 Studenten sind eingeschrieben. Gebraucht werden die Absolventen vor allem als Islamlehrer an den Schulen, manch einer könnte jedoch auch Imam werden. Aber: Die Studiengänge gibt es erst seit 2010. Viele erfahrene Prediger können also gar nicht eingestellt werden. Außerdem ist die Ausrichtung der Studiengänge Dauerstreitthema. Über sogenannte Beiräte reden die Islamverbände in Personalentscheidungen und die theologische Ausrichtung hinein. Der Münsteraner Professor Mouhanad Khorchide beispielsweise gilt vielen als zu liberal. Umgekehrt erzählen Professoren, dass sie es mit erzkonservativen (deutschsprachigen) Studenten zu tun haben, die sich mit dem Islam gar nicht wissenschaftlich auseinandersetzen wollen. 

Das Geld

Schließlich: Wie sollen die Moscheen die Akademiker von den deutschen Unis eigentlich bezahlen, wenn sie sie nur aus Spenden ihrer meist nicht so reichen Mitglieder entlohnen sollen? Würde nicht noch viel häufiger als bisher eine ausländische Spende als eine private, einheimische getarnt?

Die Kirchensteuer für Muslime wäre also nicht nur fair, sondern auch transparenter. Aber leider ist sie zumindest zurzeit noch nicht realistisch: Der Islam kennt keine Institution wie die Kirche. Die Islamverbände wollen sich gar nicht unbedingt unter einem Dachverband vereinen lassen. Viele Muslime fühlen sich außerdem von keinem der Verbände wirklich vertreten.

Und was müsste man nach diesen Maßstäben noch verbieten? Spenden aus dem Ausland für christliche Freikirchen? Für buddhistische Zentren? Darf die katholische Kirche in Zukunft keine Hilfe mehr vom Vatikan annehmen oder Priester aus Polen einstellen? Der Islam wird immer deutscher. Es muss unbedingt transparenter werden, wer sich in welchen Moscheen wie einmischt. Wir brauchen noch mehr Präventionsarbeit für und mit Muslimen und leider auch Sicherheitsmaßnahmen. Mit einem populistischen Gesetz, das allein Einflüsse aus dem Ausland kappen soll, geht es aber sicher nicht schneller.