Meine Schwester und ich sind nicht geworden, wie unsere Eltern waren. Wir haben aber so manche ihrer Zwänge und Ängste von ihnen geerbt. Die Kriegskinder wollten ihren Kindern nicht schaden, im Gegenteil. An den Satz unserer Eltern "Ihr sollt es mal besser haben" können wir uns gut erinnern. Was ist da so gründlich schiefgelaufen?

Bei vielen Kriegskindern hätten die Schwere, die Not, die Mühsal das ganze Erleben eingenommen, sagen die Traumatherapeuten Udo Baer und Gabriele Frick-Baer. Diese Erfahrungen "beeinflussen die Art und Weise, wie alle anderen Geschehnisse beurteilt werden". In der zweiten Generation käme das aber so an, als würde ihr das Glück nicht gegönnt, als ob nichts gut sein dürfe.

So sind die Kinder der Kriegskinder in einer Art doppelter Realität aufgewachsen: halb in der sichtbaren Welt des materiellen Wohlstands, halb in einer unsichtbaren Sphäre verschwiegener Nöte. Beides schien partout nicht zusammenzupassen. Auch an sonnigen Tagen erschien ihnen der Himmel grau. Wer als Kind Not und Hunger litt, konnte die Ursache seiner Leiden meist klar benennen: den Krieg. Wer in wachsendem materiellen Wohlstand aufgewachsen ist, dem fällt die Erklärung schwerer. Die Eltern als Verursacher der eigenen Seelennot zu benennen, kommt vielen Kriegsenkeln nicht in den Sinn.

Verräter an den unglücklichen Eltern

"Du hast so viel mehr als wir damals." "Wir meinten es doch nur gut." "Sei nicht so undankbar." Wer mit solchen Botschaften aufwuchs, den plagen als Erwachsenen vielmehr extreme Schuldgefühle. Wer glücklich werden will, fühlt sich schnell als Verräter an den unglücklichen Eltern. Oder er bleibt, wie diese, sich selbst emotional fremd. Denn wer als Kind nicht gesehen wurde, der entwickelt keinen Blick für sich selbst.

So haben die Kinder der Kriegskinder früh gelernt, der eigenen Wahrnehmung zu misstrauen: Was ist bloß mit mir los, es ist doch alles gut? Die von Margarete und Alexander Mitscherlich 1967 beschriebene "Unfähigkeit zu trauern" der Kriegsgeneration und der Kriegskinder hat sich in den -enkeln fortgepflanzt: als Unfähigkeit, sich und anderen zu vertrauen. Sie leben im ständigen Zweifel. Die Älteren haben den Jüngeren nicht ihre Traumata vererbt, sondern deren Folgen.

Wie viele Angehörige der Geburtsjahrgänge 1955 bis 1975 wuchsen auch meine Geschwister und ich im zunehmenden Wohlstand der 1960er bis 1980er Jahre auf. Doch er erschien unseren Eltern immerzu auf seltsame Weise gefährdet, ja irreal. Wer erlebt hatte, wie ein Reich in Staub zerfällt, das tausend Jahre hatte währen sollen, der lernte zu misstrauen. Selbst ein abbezahltes Haus im Grünen, eine sichere Beamtenstelle und ein schickes Auto in der eigenen Garage konnten nie den Zweifel tilgen, dass all das Schöne trügt. Die Vergangenheit erschien ihnen realer als die Gegenwart.