Die Busse kommen nachts um halb fünf, als es noch dunkel und kühl ist auf Lesbos. Sie fahren durch das große, offene Tor des Hotspots Moria, in dem seit dem 20. März jene aufgenommen werden, die ohne Erlaubnis aus der Türkei auf die griechische Insel kommen. Vor dem Tor steht ein gutes Dutzend griechischer Polizisten in Montur, mit Helmen und gepanzerten Uniformen, falls es Proteste geben sollte. Aber niemand ist wach und da, um zu protestieren.

Die "Rückführung illegaler Migranten" in die Türkei, wie die EU das nennt, hat an diesem Morgen auf Lesbos als Nacht- und Nebelaktion begonnen. Um kurz vor sechs kommen die Busse wieder raus. Sie fahren die paar Kilometer hinunter zum Hafen von Mytilini, auf ein abgesperrtes Gelände. Dort warten schon zwei Boote auf sie. Türkische Boote. Ihre Flaggen hingen schlaff in der Morgendämmerung.

Aus den Bussen steigen jetzt, eine nach dem anderen, über 130 Personen, unter der Aufsicht von Polizisten und Männern in Zivilkleidung. Wer sind sie? Man kann sie nicht selbst fragen, Journalisten müssen hinter Absperrungen warten. Auch das Flüchtlingshilfswerk UNHCR beobachtet nur, weil es nicht Teil des Rückführungsprozesses ist, nicht sein will. Eine Sprecherin von Frontex, die mit insgesamt über 150 Mitarbeitern auf der Insel hilft und auch die Menschen aus dem Hotspot an diesem Morgen begleitet, sagt: "Diese Personen haben Rückführungsentscheidungen bekommen. Das heißt, ihr Verfahren ist abgeschlossen. Sie haben hier gar nicht erst Asyl beantragt."

Es handele sich vor allem um Menschen aus Pakistan und Bangladesch. Ein Mitarbeiter des Guardian berichtet später, viele der Menschen auf den Booten seien bereits vorher schon mal aus der EU abgeschoben worden. Es scheint, dass die Behörden also mit jenen begonnen haben, deren Fälle am eindeutigsten sind. Bei anderen dürfte es schwieriger werden. Nach Aussage von Frontex haben bis zum Wochenende 1.953 Menschen im Lager Moria um Asyl gebeten, lediglich 18 Antragsverfahren haben bereits begonnen. Erst, wenn all diese Verfahren abgeschlossen und negativ ausgegangen sind, wenn jeder einzelne die Chance hatte, diese Entscheidung wiederum anzufechten, sollen sie zurückgeschickt werden in die Türkei. So zumindest sieht es formal der EU-Türkei-Deal vor.

Die Migranten, die an diesem Morgen den Anfang machen und jetzt im Hafen aus den Bussen steigen, wehren sich nicht. Nicht hier beim Gang auf die Schiffe und nach Aussage von Frontex auch nicht früher am Morgen, als man sie im Lager in die Busse einsteigen ließ. Man habe ihnen gesagt, dass sie nun in die Türkei gebracht würden, sagt die Frontex-Sprecherin.

Macht der Bilder

Am Zaun des Hafens steht ein Dutzend Aktivisten, sie halten Schilder hoch und rufen "No Border, No Nation, Stop Deportation!" und "EU – shame on you!" Kameras filmen sie und die Boote mit den Migranten, schicken die Bilder nach Hause. Darum geht es, um die Bilder. Das Hafenareal liegt direkt vor dem Hotel Blue Sea, in dem UNCR-Mitarbeiter und viele Journalisten untergebracht sind. Sie können den Abtransport der Menschen von den Balkonen ihrer Zimmer aus filmen.

Um kurz nach sieben Uhr dann die entscheidende Szene: Das erste der beiden Boote legt langsam ab. Es fährt im Bogen um die Kaimauer des Hafens, die weiche Morgensonne scheint jetzt schon auf die Szenerie. Dann verschwindet es auf dem Meer Richtung Türkei.

Dieses Bild soll an diesem Morgen von Lesbos ausgehen: Menschen, die zurückgeschickt werden aus Europa. Die nicht bleiben dürfen. Und es ist das Bild, das die Menschenrechtler und freiwilligen Helfer hier auf der Insel gefürchtet hatten. "Ich schäme mich für meinen europäischen Pass!", ruft eine Frau.

Sicherungen und Schutzmaßnahmen

Wenig später, als auch das zweite Boot abgelegt hat und es eigentlich schon zu spät ist, läuft der Protest richtig an. Auf zwei Schlauchbooten fahren Aktivisten der Gruppe Seewatch durch das Hafenbecken, zwischen sich ein Transparent gespannt: "Fähren für sichere Passage, nicht für Deportationen", steht auf Englisch darauf. Jemand hat das Bettlaken mit "Wake up, Europe!" mitgebracht, das gestern noch oben vor dem Moria-Camp hing. Es werden Interviews gegeben, reihenweise: Die Türkei sei kein sicheres Land für Flüchtlinge. Und, dass manche Menschen in den Camps angeblich davon abgehalten werden, Asyl zu beantragen. Worin sich alle nicht staatlichen Akteure und Helfer hier einig sind, auch das UNHCR: "Wir fordern, dass jetzt sofort Sicherungen und Schutzmaßnahmen geschaffen werden müssen, sowohl hier auf der griechischen Seite als auch auf der türkischen", sagt dessen Sprecher Boris Cheshirkov an diesem Morgen. Damit für die Öffentlichkeit überprüfbar sei, wer da wirklich zurückgeschickt werde. Und damit nicht Menschen eingesperrt würden, die Asyl beantragt hätten.

Was die Menschen auf den Booten auf der anderen Seite des Meeres erwartet, ist unklar. Um kurz nach acht Uhr kommt das erste Schiff im Hafen der türkischen Stadt Dikili an. Dort hatten am Wochenende Anwohner dagegen protestiert, die Migranten aus Griechenland aufzunehmen. "Wir wollen die hier nicht, die gehören hier nicht hin", sagten sie in die Kameras der BBC. Nun sind sie da.