Sie stehen Schlange vor dem Berliner Lageso, besuchen Deutschkurse und warten auf eine Arbeitserlaubnis. Es scheint ganz so, als müssten geflüchtete Menschen lediglich die Strapazen der Verwaltung überstehen, fleißig Vokabeln lernen und schon wären sie gleichberechtigte Mitglieder einer offenen Gesellschaft. Das, was das Integrationsgesetz bisher vorsieht, wird nicht reichen.

Dafür müssen wir uns nur die anschauen, die schon lange hier leben und Deutsch sprechen. Etwa jeder dritte Schüler hat heute in Deutschland einen Migrationshintergrund – in Ballungsgebieten sind es fast 50 Prozent. Die gerade erschienene Diskriminierungsstudie zeigt, dass viele von ihnen in der Freizeit, aber oft auch während der Schulzeit von rassistischer Diskriminierung betroffen sind. Es handelt sich nicht immer um brutale Anfeindungen oder Gewalttaten, sondern beispielsweise auch um sogenannte Mikroaggressionen, ganz kleine Übergriffe in alltäglichen Gesprächen. Sie durchlaufen ein segregierendes Schulsystem, das sie auf schlechtere Schulen aussondert und finden sich immer noch in stereotyper Darstellung in Schulbüchern wieder.

Bei der Arbeitssuche und am Arbeitsplatz geht die Diskriminierung weiter: Ohne deutsch klingenden Namen müssen Arbeitssuchende bei gleicher Qualifikation bis zu 1,5 Mal so viele Bewerbungen einreichen, um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Sie sind häufiger arbeitslos und sie studieren seltener.

Die Gesellschaft scheint diesen jungen Hoffnungsträgern jedoch nur zu sagen: Du musst dich anstrengen und um Arbeit bemühen, dann kannst du alles schaffen! Das ist ignorant, naiv und gefährlich: Ignorant, weil es die Diskriminierungserfahrungen dieser jungen Menschen missachtet; naiv, weil es der Annahme zu Grunde liegt, die Politik müsse nicht gezielt tätig werden; und gefährlich, weil wir zulassen, dass unserer Gesellschaft in Zukunft das Fundament an gut ausgebildeten Fachkräften fehlt.

Dabei lässt sich strukturelle Benachteiligung wirksam bekämpfen. Wie und mit welchem Erfolg hat uns die Frauenbewegung bereits bewiesen. Unternehmen profitieren durch mehr Frauen in der Belegschaft, Väter erhalten Anreize, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und Frauen können freier über ihre eigenen Prioritäten im Arbeits- und Privatleben entscheiden.

An diese Entwicklung sollten wir direkt anknüpfen. Von Rassismus betroffene Menschen müssen die Möglichkeit erhalten, interne Kommunikations- und Entwicklungsräume zu kreieren. Beispielsweise ließen sich ähnlich wie die in den USA bekannten Caucuses interne Interessenvertretungen von von Rassismus betroffenen Menschen fördern, die in wichtige Entscheidungen eingebunden werden. Diese Art von Zusammenschlüssen ist in jeder Organisationsform denkbar. Auf diese Weise können sie eine Stimme finden und sich kollektiv einbringen. Nur dann ist ein gleichberechtigter Aushandlungsprozess mit Verwaltung und Unternehmen möglich.