Vollzug, von außen

Justizvollzug: In kleinen Anstalten sind es 300 Gefangene, 600 in größeren, 3.000 in großen. Hohe Mauer, Natostacheldraht, Wachtürme, fertig ist Tegel Bruchsal Straubing Werl. Jahresetat: 20 Millionen Euro. Der Leiter einer solchen Einrichtung wird besoldet wie der Leiter eines deutschen Gymnasiums mit 400 Schülern. Die Leitung der Verwaltung von 3.000 Gefangenen, 20 Eigenbetrieben, 800 Freigängern und 50 Sicherungsverwahrten kann ja wohl unmöglich so schwierig sein wie der Job des Vizepräsidenten eines Amtsgerichts, oder? Wer als Studiendirektor in den letzten zwei Wochen der Sommerferien den Stundenplan bastelt oder als Forstdirektor die Abschussquote für Rotwild im Landkreis XY bestimmt, verdient mehr als der Leiter einer Vollzugsanstalt mit 400 hochproblematischen Einzelschicksalen.

"Wo gehobelt wird, da fallen Späne", fällt zu alldem unserem Fußgängerzonenpassanten ein, die Frittentüte in der einen, das Frauchen an der anderen Hand. Und der Pegidafreund sagt von hinten: "Wo Späne fallen, ist das faule Holz nicht weit". Er muss es wissen; er ist Holz vom Holze. Außerdem stimmt es ja.

Es kommt halt nur darauf an, was "faul", "verkommen" und "fremd" sein soll. Und da tritt ein merkwürdiger Mechanismus in Aktion, der die schlauen Menschenversteher von BILD mit den weniger schlauen Schöpfern der FAZ, die kunstgeföhnten Kommentarsprecher der Tagesthemen mit den von ihnen allen gleichermaßen verachteten Proleten ganz wundersam verbindet:

Wer, aus welchen Gründen auch immer, in dieses System der Strafe hinein geraten ist, wer als "Straftäter", oder gar "Gefangener" identifiziert ist, dem haftet fortan ein unauslöschliches Stigma an: ein brennendes Mal, hätte man früher gesagt. Darf (!) jemand, der wegen Steuerhinterziehung einst im Gefängnis war, nunmehr Präsident eines Sportvereins werden? Die Frage ist zwar an Albernheit kaum zu überbieten, aber von höchster politischer Bedeutung, da es sich doch um Ulrich Hoeneß handelt, Wurstfabrikant, Weltenretter, Entertainer. Der Schweinefleisch-im-Darm-Fresser plus Senf ist ihm, objektiv betrachtet, so nah wie Franz von Assisi das Gezwitscher des Fußballverbands von Jack Warner.

Aber egal: Wir hinterziehen 40 Euro, er 40 Millionen. Mein Gott, wir haben Finanzkrise eins und Finanzkrise zwei hinter uns, und seit der letzten hat die globale Verschuldung um 70.000 Milliarden Dollar – also siebzigtausend mal tausend Millionen – zugenommen. Sie haben richtig gelesen, liebe Leser: Griechenland hat den Sozialhilfesatz und die Renten wirklich gekürzt, und der Flüchtling in Idomeni liegt wirklich im Dreck, und wir haben dem Herrn der Türkei die Lagerhaltung der Syrer wirklich verkauft. Und dennoch hat die Welt bei den örtlichen Niederlassungen des Weltgerichts in sieben Jahren 70 Billionen Dollar neue Schulden gemacht, auf dass die Investitionsstimmung und die Konsumfreude stiegen. Deutschland ächzt und wankt unter den unermesslichen Kosten, die ein paar Chancen mehr für halbalphabetisierte Drogendealer, Hinterngrabscher und Körperverletzer von den Bahnhofsvorplätzen der Republik verursachen könnten. Und der Flüchtling frisst uns die Haare und die Plüschtiere vom Kopf.     

Zugleich haben wir, resozialisierungsliteraturmäßig, weiterhin einiges zu erwarten: Stille Stunden in der Dusche; Freiheit für den Sport; oder Es ist noch nicht vorbei: Lauter Bücher, die noch geschrieben werden wollen. Die Verlage, die da dran sind, verrate ich nicht. Nur so viel – es wird der Hammer!  

Vollzug, von innen

In den Vollzugsanstalten und an anderen Rändern des wunderbaren Reichtums, den wir über die alten Witwen und die jungen Arbeitslosen, die Zurückgebliebenen und Sparer, die Kranken und ihrer aller Kinder ausschütten, kommt das natürlich ein bisschen anders an. Was ein Gefangener mit seiner Arbeit verdient, reicht, wenn die üblichen Abzüge gemacht sind, gerade für Kaffee, Tabak und ein paar Kleinigkeiten. Angemessenen Lohn erhält er nicht. Zwar arbeitet er mitunter auch nicht angemessen, weil leider zu doof, zu unwillig, zu unorganisiert. Jemand müsste ihn erst bilden, ausbilden, fordern, kritisieren, bestätigen, loben. Gernhaben. Ihm Gelegenheit geben, sein Leben selbst zu definieren und zu beschreiben.

Manche Menschen wollen und versuchen das. Sie werden als "Gutmenschen" denunziert, als realitätsferne Spinner, die vor angeblichen Wahrheiten (insbesondere: über das "Wesen" des Menschen) die Augen verschließen und die Schlussfolgerungen nicht ziehen wollen. Die Traumgesellschaft der "Realisten" findet sich in den USA. Dort sitzt ein Prozent der Bevölkerung, 2,8 Millionen Menschen, dauernd in Haft, weitere vier Millionen sind nur auf Bewährung draußen. Die Strafen sind von gnadenloser Härte, die Kosten doppelt so hoch wie der deutsche Verteidigungsetat, die Ausläufer und Denkweisen der brutalen Knastkultur durchziehen die ganze Gesellschaft. Erfolg? 

Unterbezahlung als Zusatzstrafe ist auch bei uns ein gesellschaftlicher Skandal. Der interessiert aber niemanden, weil viele Bürger auf dem Denkniveau der Zwangsarbeit des 19. Jahrhunderts stehen geblieben sind oder sich dorthin zurück träumen, die meisten anderen einfach nichts wissen wollen vom Leben hinter den Mauern. So gilt es, von Pressehetze angestachelt, noch immer als "Kuschel-Vollzug", wenn Strafgefangene Menschen- und Bürgerrechte haben. Ein Schwimmbad in der JVA! Ein Tennisplatz! Wo wir uns doch gerade erst an die Basketballkörbe in den amerikanischen Knastthrillern gewöhnt haben! Können die Verbrecher nicht zehn Jahre lang damit zufrieden sein, einmal pro Woche Tischtennis zu spielen? Und den Rest der Zeit darüber still nachzudenken, wie falsch es war, was sie getan haben? Hab’ ich etwa ein Schwimmbad?

So wird der Straßenbahnleser hineinmanövriert in einen absurden Neid auf die vermeintlichen Privilegien der weit unter ihm Stehenden. Weil er aber nicht gänzlich blöd ist, überfällt er nach dem Aussteigen trotzdem nicht die nächste Bratwurstbude, damit er auch einmal Tennis spielen darf, sondern geht wie vorgeschrieben zur Frühschicht. Und denkt, auf vertrackte Weise: Die da in der JVA machen sich ein schönes Leben auf meine Kosten. So bleibt jeder da, wo er nach unergründlichem Ratschluss hingehört.