Die Kosten

Was all die (Re)Sozialisierung nur kostet!, ruft der Straftheoretiker aus der Einfamilienhaussiedlung! Ja was denn? Ein Hundertstel dessen, was die Förderung des Eigenheimbaus kostet, oder die Subventionierung des Straßenbaus, oder die Bevorzugung des Lastwagenverkehrs. Justizvollzug kostet, aufs Ganze gesehen, fast gar nichts. Und gilt doch immer als "zu teuer".

Ein Bediensteter im allgemeinen Vollzugsdienst verdient 2.400 Euro. Dafür soll er Bodyguard sein, Sozialarbeiter, "Schließer", Gruppenleiter, Vorbild, unbestechlich, interessiert und gebildet. Ein Sozialarbeiter kostet den Staat im Monat vielleicht 5.000 Euro, wenn’s hoch kommt. Für einmal Stuttgart 21 könnte man 20 Jahre lang 5.000 zusätzliche Kräfte bezahlen. Die Gesamtkosten für jeden einzelnen der bestellten 140 Eurofighter über die Laufzeit werden, so meint der Bundesrechnungshof, bei 420 Millionen Euro liegen. Was sicherheitsrelevant ist und was nicht, entscheidet nicht die Natur, sondern das Interesse.

Gut, besser, am besten

Selbstverständlich, liebe Leser, soll hier keineswegs dem inzwischen kraftvoll verachteten Gutmenschwesen der Kranz geflochten werden, einer Erkrankung also, die zur Behauptung führen kann, man könne oder solle soziale und politische Probleme unter Anwendung üblicher zivilisatorischer Maßstäbe anders lösen als durch Gewalt, Verachtung und Zynismus. Alles ist relativ. Aber diese Aussage ist ebenso belanglos wie deprimierend, solange nicht gesagt wird, was "Relation" eigentlich sein soll. Erschütternd, wenn kein kühler Windzug der Aufklärung geblieben ist nach 40 Jahren "Strafvollzugsreform".

Ergebnis?

Kehren wir noch einmal zum Anfang unserer kleinen Strafrechtserie zurück: Blickt das Strafrecht rückwärts oder vorwärts? Wir müssen versuchen, mit dem Strafen etwas für die Zukunft Positives zu bewirken: Die Bestraften von weiteren Taten abhalten, die Übrigen von Anfangstaten.

Wer bestraft wird, dem muss nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts die realistische Chance offenstehen, dieses Säurebad der Ausgrenzung, Stigmatisierung und Entpersönlichung auch wieder zu verlassen. Sonst hätte die Prozedur keinen Sinn. Und keine Wirkung in die Zukunft. Damit ist nicht die Mischung aus Unverständnis, Selbstmitleid und aggressivem Fordern gemeint, die uns – von den dienstlich mit Briefkontrolle Befassten abgesehen – besonders auch in den Kontaktanzeigen von (meist männlichen) Strafgefangenen entgegen tritt. Sondern es ist erforderlich, dass die Gesellschaft einen deutlich größeren Teil ihrer Aufmerksamkeit und Ressourcen dem "Ausgleich" zuwendet. Wir wissen heute, dass ein solcher Ausgleich nicht dadurch erreicht werden kann, dass man einen fehlsamen Menschen jahrelang mit einem frommen Buch in eine leere Zelle sperrt, auf eine ferne Insel verbannt oder auf seine innere Leere zurückwirft, auf dass er durch bloßes Leiden zur Gerechtigkeit und Menschenfreundschaft gelange. Wer das Gegenteil behauptet, hat keine Ahnung. Andererseits lassen sich mit gutem Glauben und Gruppentherapie mitnichten alle Probleme der Kriminalität lösen. Menschen, die das behaupten – falls es sie denn überhaupt in nennenswerter Zahl gibt –, haben ebenfalls keine Ahnung. Kriminalität "abzuschaffen" durch Strafrecht, wäre ein illusionäres Projekt, das niemand ernstlich vertritt. Die Kriminalität einerseits zu hysterisieren, die Folgen für den Einzelnen (die Täter wie die Opfer) und die Ursachen aber in Bereiche des Schweigens und der Ignoranz zu verbannen, wie wir es heute weithin tun, ist irrational. Wenn man die bestehenden Probleme lösen will, muss man sie anschauen, nicht wegsehen.

Das Wegsehen ist keineswegs ein Privileg der Ungebildeten, Vorurteilsvollen. Auch die Strafjustiz beteiligt sich daran. Viele oder gar die meisten Strafrichter verhalten sich wie hochspezialisierte Chirurgen: Operation gelungen (Urteil gesprochen), Fall erledigt, der nächste bitte. Allzu viele waren nicht ein Mal im Berufsleben in einer JVA, und wenn, dann nur für drei Stunden mit "Führung" durch zwei Werkstätten, drei leere Flure und abschließendem (beklommenem) Essen (von Mördern gekocht!): Sightseeing – Grusel. Indem die Justiz den Strafvollzug wie ein fernes, unbekanntes Land behandelt, dessen unangenehme Gerüche mit den edlen Aufgaben der Strafzumessung nichts zu tun haben, verstellt sie sich selbst den Blick auf die Wirklichkeit. Wer immer wieder gern und stolz darauf hinweist, dass er/sie ein "Praktiker" des Strafens sei, sich von Fragen und Problemen des Vollzugs aber weithin fern hält, ist sich und anderen gegenüber nicht ehrlich. Er versteht von der Praxis des Strafens so viel wie der Hersteller des Skalpells vom Operieren.