Gleich neben der Kasse seines Ladens hat Reginaldo Gregorio de Lima ein Labor aufgebaut: einen Gasbrenner, ein paar Dosen mit Chemikalien, eine rußgeschwärzte Arbeitsfläche und eine Halterung für die Schutzbrille. Der Einzelhändler kann damit die Reinheit von Goldnuggets bestimmen. Das geht rasch und ist in diesem Laden wichtig: Bei de Lima zahlen die meisten Kunden mit Gold. Geldscheine mit dem Aufdruck der brasilianischen Notenbank beäugt er skeptisch, und er durchleuchtet sie mit einer Lampe. Lieber hält er das glänzende Stückchen Metall in die Luft, das ein anderer Kunde herüber reicht. "Sieben Gramm", sagt de Lima, "das wäre jetzt genug für 18 Kisten Bier."

De Limas Laden liegt in einer Goldgräbersiedlung in der Region São José, mitten im Amazonaswald. Das klingt nur romantisch. Hierher kommt man mit einem einmotorigen Flugzeug, 20 Minuten lang dauert das von der nächsten Ortschaft aus, und natürlich muss man vorher ein paar Tage lang Kontakte machen und nach Genehmigungen der Schürfer fragen. Von der Luft aus erblickt man im Urwald eine Schneise mit schlammiger Landepiste und ringsherum ein kleines Inferno: ein paar Quadratkilometer abgesägte und abgeknickte Bäume, tiefe Baggerlöcher und Tümpel voll schmutzigem Wasser, das in Regenbogenfarben schillert. Ein paar Hundert Goldsucher wühlen sich mit Baggern und Wasserpumpen durch den Urwaldboden, sie zelten unter weißen Plastikplanen neben ihren Claims und bewachen sie mit Waffen vor neidischen Kollegen.

Um sieben Uhr am Morgen ist Frühstückszeit und der kleine dicke Wirt der Emoções-Bar stellt Whisky auf die Theke. Neben der Landebahn ist ein kleines Dörfchen entstanden, da stehen der Laden von de Lima, ein paar Holzhäuser und Kneipen wie die Emoções-Bar, die ab dem Nachmittag zusätzlich als Bordelle dienen. Gibt es hier denn ab und zu Ärger in der Bar? Schlägereien? "Neeeein", sagt der Wirt und grinst, da sieht man, dass er keine Schneidezähne mehr hat. "Hier hat es seit drei Jahren nicht mal mehr einen Mord gegeben."

Goldgräbersiedlungen wie diese hier sind illegal, sie verstoßen gegen brasilianisches Recht und Gesetz. Man darf am Amazonas nicht einfach so nach Gold oder Diamanten graben, man darf auch Bäume nur nach strengen Quoten und im Rahmen eines Aufforstungsplans fällen. Nur unter Auflagen darf man in staatliche Naturschutzgebiete eindringen und keinesfalls in die Reservate der Urvölker. So wollen es die Politiker und Beamten in der brasilianischen Hauptstadt und so wollen es viele Staaten der Erde von Brasilien, weil der Amazonaswald seit vielen Jahren beängstigend schnell schrumpft.

Doch was tun? Ab und zu, wenn der politische Druck besonders groß wird, landet irgendwo die Bundespolizei mit Helikoptern, führt ein paar Goldsucher ab und jagt ihre Maschinen mit Dynamitstangen in die Luft. Satellitenbilder zeigen, dass sich die Zahl improvisierter Minen im Amazonasgebiet trotzdem von 20.000 in den neunziger Jahren auf über 200.000 verzehnfacht hat. Gut 1.680 Quadratkilometer Amazonaswald wurden dafür vernichtet, etwa so viel wie die Flächen von Hamburg und Berlin zusammen. Es kommen einfach immer neue Goldgräber nach. Sie verstehen sich als Höllenhunde, die ihre ganze Kraft dafür aufbringen, dem fernen Staat und seinen Einmischungen die Stirn zu bieten.

Ein Betrunkener wankt zum Frühstück in die Emocões-Bar, "Hey Bergleute", ruft er. Er will sich Geld leihen, die Männer an der Theke wimmeln ihn ab. "Er muss nüchtern werden und wieder arbeiten gehen", sagt der Wirt. "Trauriger Fall. Hat seine Frau und Kinder erschossen."