Für seine Verdienste um Europa ist Papst Franziskus im Vatikan mit dem Aachener Karlspreis ausgezeichnet worden. Franziskus werde für sein herausragendes Engagement "für Frieden, Verständigung und Barmherzigkeit" geehrt, zitierte der Vorsitzende des Karlspreis-Direktoriums, Jürgen Linden, aus der Verleihungsurkunde.

Papst Franziskus forderte Europa nach der Preisverleihung dazu auf, sich an seine Gründerväter und deren Ideale zu erinnern. "Sie hatten die Kühnheit, nicht nur von der Idee Europa zu träumen, sondern wagten, die Modelle, die bloß Gewalt und Zerstörung hervorbrachten, radikal zu verändern", sagte das Kirchenoberhaupt. Heute gelte es mehr denn je, Brücken zu bauen und Mauern einzureißen. "Was ist mit dir los, humanistisches Europa", mahnte Franziskus. "Du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit?" 

Er forderte die europäischen Staaten auf, zu einem solidarischen Miteinander zurückzukehren und sich in der Flüchtlingskrise nicht weiter abzuschotten. Gerade in dieser zerrissenen und verwundeten Welt sei es notwendig, zu einer "Solidarität der Tat" zurückzukehren, wie sie auch nach dem Zweiten Weltkrieg gezeigt worden sei, sagte Franziskus. Das Klima des Neuen und der brennende Wunsch, die Einheit aufzubauen, schienen immer mehr erloschen. "Wir Kinder dieses Traumes sind versucht, unseren Egoismen nachzugeben, indem wir auf den eigenen Nutzen schauen und daran denken, bestimmte Zäune zu errichten", sagte der Papst. Er träume von einem Europa, "in dem das Migrantsein kein Verbrechen" sei.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) würdigte das Kirchenoberhaupt als denjenigen, der der Menschheit wichtige Werte vermittle. "Frieden, Solidarität und gegenseitiger Respekt", dafür stehe Franziskus, sagte Schulz, der den Preis im Vorjahr verliehen bekommen hatte. Europa erlebe stürmische Zeiten, stehe vielleicht sogar vor einer Zerreißprobe. Es sei deshalb Zeit, für Europa zu kämpfen. "Papst Franziskus macht uns Hoffnung, dass dies gelingen kann", sagte Schulz. Die Helfer in der Flüchtlingskrise zeigten Europas gutes Gesicht, Europas menschliches Gesicht.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker lobte Franziskus als Mahner, der Europa ins Gewissen rede. Franziskus lebe vor, dass Solidarität und Nächstenliebe nicht nur wohlklingende Worte seien, sondern Werte, die immer wieder aufs Neue zu Haltung und Handeln verpflichteten. Donald Tusk würdigte den Papst für seine neue Version der Kirche: "Eine Kirche – um es mit Ihren Worten auszudrücken – als Feldlazarett und nicht als Zollhaus", sagte der EU-Ratspräsident.

Rom - Drei syrische Familien finden Zuflucht im Vatikan Nach Papst Franziskus' Besuch auf der griechischen Insel Lesbos befinden sich nun drei syrische Familien auf seine Einladung in der Obhut des Vatikan. Sie sind froh, in Sicherheit zu sein, und lernen jetzt Italienisch.

Ein Engel für die Kanzlerin

An der Zeremonie hatte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) teilgenommen, die zuvor in einer Privataudienz einen Friedensengel von Franziskus geschenkt bekommen hatte. "Den können wir gut gebrauchen in Europa", sagte die Politikerin. Das 20-minütige Treffen fand hinter verschlossenen Türen statt, über den Inhalt ist nichts bekannt.

Der Karlspreis wird seit 1950 an Persönlichkeiten und Institutionen vergeben, die sich um die Einigung Europas verdient gemacht haben. Zu den ersten Preisträgern zählten der britische Premierminister Winston Churchill und der langjährige Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU).

In den folgenden Jahrzehnten nahmen etwa Spaniens König Juan Carlos, der frühere US-Außenminister Henry Kissinger, der britische Premierminister Tony Blair und US-Präsident Bill Clinton den Preis entgegen. 2008 ging er an Bundeskanzlerin Merkel und 2015 an EU-Parlamentspräsident Schulz.

Normalerweise wird der Preis im Aachener Rathaus verliehen. Nun fand die Zeremonie zum zweiten Mal im Vatikan statt: 2004 hatte Papst Johannes Paul II. dort einen "außerordentlichen Karlspreis" entgegengenommen. Franziskus ist der 58. Karlspreisträger.