Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Ceterum Censeo: In diesen Tagen jährt es sich wieder, dass die Redakteurin "bru" für die Frankfurter Allgemeine Zeitung ein Skandalon aufdeckte, das in seiner Bedeutung zuvor unbekannt und danach vergessen war:  

"Vom 1. November an werden Vornamen von links nach rechts aus der Geburtsurkunde übernommen. Wenn nicht alle hineinpassen, werden nur die ersten Vornamen im Ausweis aufgeführt (…). Nun ist nicht mehr eindeutig zu bestimmen, welcher von mehreren Vornamen der maßgebliche sein soll. (…) Allerdings gibt es in Deutschland einen Rufnamen im Rechtssinne nicht. "

Ja, verehrte Leser, es ist bitter wahr: Namen werden in Deutschland von links nach rechts gelesen. Wir sagen zu diesem frühen Stück investigativen Journalismus: Bravo! Hart recherchiert; in seiner formalen Reduktion stilbildend; zwischen den Zeilen hinausgreifend. Millionen rufnamenloser Ausweisopfer sagen: Danke! 

Auch das Thema Böhmermann hat Spürnase "bru" schon früh antizipiert, als sie am 23. Oktober 2015 jene Sätze schrieb:

"Die Meinungsfreiheit hat Grenzen. (…) Man darf zum Beispiel jemanden anders nicht einfach beleidigen, auch wenn man ihn wirklich nicht mag."

Sie finden das unterkomplex? Nun gut, dass "jemand" hier ein "anders" ist, hätte man sich zur Not noch denken können, da der Mensch sich selbst bekanntlich beliebig lang und scharf beleidigen darf. Aber übersehen Sie nicht: Der bildungsbürgerliche Mittelstand Deutschlands liegt im Sterben, und so muss sich die publizistische Elite schon dem Volksganzen auch in ihren Exemplifikationen anschmiegen. Dem Vernehmen nach produziert man in Frankfurt daher bereits die Folgen:

"Man darf zum Beispiel jemandem anders nicht einfach ein Bier über den Kopf kippen, auch wenn er wirklich so aussieht."

und

"Man darf zum Beispiel jemandem anders nicht einfach seinen Pimmel vorhalten, auch wenn man ihn wirklich mag" (bahnbrechende Vorarbeiten dazu haben an höchster Stelle bereits stattgefunden: siehe Kolumne von letzter Woche).

Versuch und Rücktritt

Nun aber zum Thema. Kein Versuchsfall ohne Rücktrittsprüfung, lehrt das Revisionsrecht. Für Laien ist das nicht verständlich. Sie sollten (müssen!) zunächst einmal Paragraf 24 Strafgesetzbuch lesen, dessen Absatz 1 wie folgt lautet:

"(1) Wegen Versuchs wird nicht bestraft, wer freiwillig die weitere Ausführung der Tat aufgibt oder deren Vollendung verhindert. Wird die Tat ohne Zutun des Zurücktretenden nicht vollendet, so wird er straflos, wenn er sich freiwillig und ernsthaft bemüht, die Vollendung zu verhindern."

Das ist ein überaus großzügiges Angebot, das das Strafgesetz Menschen macht, die mit wirklich bösem, kriminellem Willen einen wirklichen Schritt (oder auch mehrere) in Richtung auf die Vollendung eines Tatbestands getan haben, dessen Versuch strafbar ist: Sie "werden nicht bestraft", wenn sie die Ausführung aufgeben. Das heißt: Sie gehen vollkommen straffrei aus, werden freigesprochen, sind unschuldig. Jedenfalls im Grundsatz. Wenn jemand auf dem Weg zur Vollendung der einen Tat allerdings eine andere schon vollendet hat, bleibt er insoweit strafbar.

Ein Beispiel: A will B töten. Er schießt auf ihn mit Tötungsvorsatz, trifft ihn aber bloß in den Arm. B fleht um Gnade, A kriegt Mitleid und geht weg. Lösung: A hat "nach seiner Vorstellung" (= Tatvorsatz) zur Vollendung (Tod des B) "unmittelbar angesetzt" (= spätestens beim Abdrücken des Schusses). Folge eigentlich: versuchter Totschlag. Aber Paragraf 24 Abs. 1 Satz 1, erste Variante: Er hat die "weitere Ausführung der Tat" (= Totschlag) freiwillig (= Mitleid) aufgegeben (= Weggehen). Rechtsfolge: keine Bestrafung wegen Versuchs. Aber: Vollendet ist eine "Gefährliche Körperverletzung" (= Schuss in den Arm) gemäß Paragraf 224 Abs. 1 Nr. 2 und Nr. 5. Dafür wird A bestraft. Den bösen, also über die Verletzung hinausgehenden, auf Tötung gerichteten Willen darf das Gericht bei der Strafzumessung für die Körperverletzung nicht berücksichtigen.