Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Kapitel eins: Ansätze

Liebe Jungerwachsene! Kennt Ihr das Lied vom Baggerführer Willibald? Nein? Dann hört es Euch auf YouTube an. Oder fragt Eure Großeltern. Das Lied von Baggerführer Willibald wurde extra für Eure Eltern geschrieben, die es aber meistens uncool fanden und tendenziell eher ABBA oder ACDC im Blick hatten. Dagegen gerieten Oma und Opa – seinerzeit, als Eure Eltern noch die Kinder Eurer Großeltern waren – jedes Mal in große Begeisterung und sangen und klatschten mit, wenn Willibald dem Boss den Bagger und sein Haus und überhaupt die "Produktionsmittel" wegnimmt, und wenn alle anderen Baggerer kommen und sich freuen und schöne Häuser bauen. Die nannte man "Willibalds Plattenparadies", und jeder durfte einziehen und mitsingen oder sehen, was er davon hat, wenn er's nicht tat.  

Ja, so war das, auf dem DKP-Stadtfest (Fußnote für die Jugend: "Deutsche Kommunistische Partei"; früher eine Art analoges Portal aus überwiegend harmlosen Friedenskerzenschwenkern mit Hang zum Proletkult, andererseits Josef Stalins letzter Vorposten diesseits der Oos). Ausgerichtet wurde das DKP-Fest auf jeden Fall von der "UZ" (U-Zett), einem schweren Fall früher Qualitätspresse, hintenherum finanziert von einer nicht genannt werden dürfenden Export-Agentur (zeitweise ansässig am Tegernsee).

Vorn auf der Bühne jedenfalls, anno domini MCMLXXII ff.: Herr Süverkrüp mit Klampfe, Herr Mies, ein ganz verwegener Geselle, sowie in Latzhose erste Vorbotinnen der unbefleckten Empfängnis. Grußworte hier, Bruderküsse dort, Seit an Seit mit der IG Metall. Nimm hier die Wurst, Genosse! Vorwärts, Genossin! Äpfelwein und Pils. Aus der Ferne tief erschüttert Willy Brandt, die Troika der Trinkfesten und Franz Steinkühler.  

Will sagen – Volks- und insbesondere Kinderaufklärung war schon immer etwas für Führer: Baggerführer, Reichsjugendführer, Nasenführer. Jetzt, da die große Volksbildungsführerin Margot Honecker in die Ewigen Jagdgründe eingegangen ist, muss man noch einmal daran erinnern. Ich komme darauf zurück.

Warum dieser Blick zurück?, mögen Sie fragen, wo doch Herr Böhmermann ("der deutsche Star-Satiriker", wie ich gestern lesen durfte), gerade wieder nach vorne schaut. Die Antwort: Eben drum.

Deshalb also zunächst noch einmal ein Doppelschritt in die Vergangenheit. Erstens: Ist Ihnen der Name Richard Wagner schon einmal untergekommen? Nein, ich meine nicht im GALA-Bericht über BH-Größen auf dem Teppich, sondern als Tonkünstler. Selbstverständlich ist diese Frage hochsatirisch, denn wer hätte nicht mindestens den Boulez-, den Thielemann und den Karajan-Zyklus bei der Hand, wenn er der Morgenröte Erwachen fühlt im deutschen Herzen? Und zweitens: Sind Ihnen Leben und Werk des großen Rebellen Karl May aus Radebeul geläufig?

Lesen Sie, bitte unbedingt (!), zum ersten: Ludwig Marcuse, Das denkwürdige Leben des Richard Wagner, 1963, und zum zweiten: Jürgen Seul, Old Shatterhand vor Gericht, 2009.

Ja, da verschmelzen die Welten und die Sonnensysteme! In der Bayreuther Hit-Factory sitzt der Baggerführer ganz unten, sechs Meter unter dem Hauptdeck, und hört außer dem Stöhnen der Maschine und dem eigenen Herzen nichts: wie der Obermaschinist Johannim Boot oder der Heizer auf dem Grund des vom verrückten Dennis Hopper gesteuerten Tankers in Waterworld. Und in Bad Segeberg stürzt sich ein ums andere mal der arme Herr Santer – übrigens, wenn ich anmerken darf, eine der unentwickeltsten Hauptfiguren der Weltliteratur – ins Matratzengebirge.

Kapitel zwo: Auf dem Theater

Drei Ansätze, drei Abbrüche. Die Auflösung: Der deutsche Star-Verteidiger Ferdinand von Schirach hat ein Theaterstück geschrieben. Es wird inzwischen fleißig aufgeführt.

Sie haben richtig gelesen: Der Tausendsassa aus Berlin hat, trotz extremer Belastung durch zahllose Prozesse, den Kreis der von ihm selbst durchkämpften Fälle verlassen und sich nun mit einem fremden, ja einem ganz und gar – freilich nicht von ihm – ersonnenen Fall auf die Bretter begeben, die die Welt bedeuten: Wir sind auf dem Theater! Dort gibt man: "Terror".