Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne "Fischer im Recht" finden Sie hier – und auf seiner Website.

Ceterum Censeo:

Haben Sie, liebe Leser, die sogenannte "Fraktur" gelesen, FAZ vom 6. Mai 2016, vom Herausgeber Berthold Kohler? Der Autor war offenbar in England und hat dort den Qualitätsjournalismus studiert. Jetzt ist er wieder da und stürzt sich in den Kampf.

Er hat den Kolumnisten im Verdacht, in Deutschland eine "Paralleljustiz" zu installieren, mindestens aber ein System der "Selbstjustiz", also irgendetwas nah am Hochverrat.

"Die Pflicht des Richters zur Mäßigung, das Gebot der Verhältnismäßigkeit, das Prinzip, im Zweifel für den Angeklagten zu entscheiden, den Anspruch auf rechtliches Gehör – all diesen Ballast wirft der schreibende Jurist ganz befangen ab, wenn er auf ZEIT ONLINE unter dem wehenden Banner des Bundesrichters zu seinen Strafexpeditionen losgaloppiert."

"Der schreibende Jurist!" Holla! Hier spritzt Herzblut; hier liegt die stilistische Latte hoch: "Bandwurmsätze und Richterrabulistik". Mein Gott – was für ein Autor!

Dabei hatte der arme Freizeit-Kolumnist nur gewagt, einen verquasten Kommentar des K. zu kritisieren (Kolumne vom 2. Februar 2016). Da haute schon die Qualitätspresse in Print zurück und entlarvte ihn in Grund und Boden: "Er besitzt ein Wohn- und Arbeitshaus in Baden-Baden" (FAS vom 13. März). Auch sonst ließ sie nichts unversucht, sich zu unterbieten. Im Strudel der Selbstjustiz rauscht die Auflage zu Tale.

Doch sogar in der höchstpersönlichsten Beschimpfung bleibt die alte Tante FAZ sich treu und versucht dem Leser weiszumachen, es gehe ihr um Deutschland: "Wen kümmert das in diesem Land schon noch, außer uns?", fragt Herr K. mit bitterem Lachen, wie seinerzeit Harry Lime in den Katakomben von Wien, und streckt die Finger von unten ans Licht.

Armer Herr Kohler! So viele Tränen für das bisschen Kritik! Ich nehme das, bevor es langweilig wird, jetzt mal als die Form einer Entschuldigung, die Ihnen über die Lippen geht. Damit soll es sein Bewenden haben. Jedenfalls bis auf Weiteres.

Ein Notfall

Nun aber zum Thema, aus gegebenem Anlass abweichend von der Ankündigung  (Böhmermann III wird nachgeholt).

Gesetzgeber, Parteien und ängstliche Menschen sind in Raserei verfallen. Die Rede ist einmal mehr von dem Thema, das die meisten angeblich überhaupt nicht interessiert und gleichwohl auf wundersame Weise die Blogs und Tweets, Likes und was auch immer füllt und weit mehr als die Hälfte des deutschen Internet-Verhaltens prägt: die Geschlechtlichkeit.  

Breaking News

Die SZ meldet (29. April 2016): "Der Tatbestand der Vergewaltigung setzt voraus, dass der Täter Gewalt anwendet oder das Opfer um sein Leben fürchten muss. Kann es keine Gegenwehr nachweisen oder das Messer am Hals, geht der Täter in der Regel straflos aus."

An diesen beiden Sätzen, die man so oder ähnlich jeden Tag in fast jeder Zeitung lesen kann, ist so ziemlich jedes Wort falsch. Die Behauptung und andere Horrormeldungen werden gleichwohl gebetsmühlenartig wiederholt. Quellen des Nonsens verlieren sich – scheinbar – im Nebel.

Die FAZ meldet online (16. März 2016): "Bisher wurde in Deutschland nur jede dritte Vergewaltigung angezeigt (anders die SZ unter Berufung auf die Bundesregierung, die es allerdings auch nicht weiß: jede zehnte); dabei kam es nur in 8 Prozent der Fälle zu einer Verurteilung."

Schauen wir nach: Angezeigte Fälle von Sexueller Nötigung / Vergewaltigung laut Polizeilicher Kriminalstatistik 2014: 7.350. Verurteilte wegen sexueller Nötigung 2014: 1.000. "8 Prozent" ist also knapp daneben; richtig ist: 13,5 Prozent Verurteilungen. Das ist im Vergleich zu anderen Straftaten ziemlich viel, wenn man berücksichtigt, dass die Beweislage bei Straftaten unter zwei Personen besonders schwierig ist. Zum Vergleich Körperverletzung: 2014 gab es 500.000 polizeilich erfasste Fälle. Verurteilungen: 54.000. Das sind 10,8 Prozent. Oder Diebstahl: 2.440.000 angezeigte Fälle, 118.000 Verurteilungen, das sind 4,8 Prozent.

Und noch einmal die SZ: Der Grund dafür, dass nur jede zehnte Vergewaltigung angezeigt werde, "besteht darin, dass unser Strafrecht eklatante Schutzlücken aufweist." Das soll der Bundesminister für Justiz und für Verbraucherschutz gesagt haben. Die Behauptung ist allerdings in sich derart verdreht und zirkelschlüssig, dass man kaum glauben mag, sie sei richtig zitiert. Es ist, als sage man: Nur jeder hundertste Mord wird in Deutschland abgeurteilt. Das liegt an der gravierenden Schutzlücke, dass das Überfahren von Tieren nicht als Mord angesehen wird.