Mathematik kann furchteinflößend sein. So ziemlich jeder neunjährige Schüler weiß das. Wie furchteinflößend, das hat diese Woche eine Frau bewiesen, die mit American Airlines von Philadelphia nach Syracuse fliegen wollte. Sie hielt ihren Sitznachbarn, einen Mann mit brauner Haut, schwarzen Locken und Akzent, für einen möglichen Terroristen. Weil der gleich nach dem Einsteigen anfing, sehr konzentriert an einer Differenzialgleichung zu rechnen.

Die Frau hatte nicht erkannt, was genau ihr Sitznachbar da tat. Seine Notizen aber erschienen ihr suspekt. Deshalb tat sie so, als sei ihr schlecht – noch bevor die Maschine gestartet war. Letztlich verließ sie die Maschine und benachrichtigte das Sicherheitspersonal, das wiederum den Sitznachbarn aus dem Flugzeug eskortierte, befragte und ihn höflich wissen ließ, er sei ein Terrorverdächtiger.

Der Mann heißt Guido Menzio und hat der Washington Post von dem Vorfall erzählt. Menzio ist 40 Jahre alt, Italiener und ein ausgezeichneter Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler, der unter anderem schon an der Eliteuniversität Princeton gearbeitet hat. An Bord wollte er einen Vortrag vorbereiten und dazu ein Modell zur Preisbestimmung berechnen.

Warnung vor dem "Kalkulationskalifat"

Er zeigte den Sicherheitsleuten seine Notizen und durfte daraufhin auf seinen Sitzplatz zurückkehren. Mit zwei Stunden Verspätung hob das Flugzeug ab. Die Frau, die Menzio das unschöne Erlebnis eingebrockt hatte, war nicht mehr an Bord. Sie hatte verlangt, auf einen anderen Flug umgebucht zu werden.

Es gibt ein paar bitter-lustige Scherze über die ganze Angelegenheit. Es sind Warnungen vor dem "Kalkulationskalifat", vor "arabischen Zahlen" oder ausgedachte Flugzeugdurchsagen wie "Meine Damen und Herren, der Kapitän hat jetzt das Keine-Gleichungen-Zeichen angeschaltet". Der Artikel in der Washington Post endet mit dem Satz "Im Amerika von heute ist das Einzige, was noch furchterregender als ein Fremder ist, … Mathematik".

Wirklich lustig ist an dem Vorfall nichts. Zumal es nur einer von mehreren aus der jüngsten Vergangenheit ist. Anfang März wurde der Brite Laolu Opebiyi von bewaffneten Polizisten aus einer easyJet-Maschine geholt, weil ein Mitreisender auf dessen Smartphone eine WhatsApp-Nachricht über "ein Gebet" gesehen hatte. Opebiyi musste das Smartphone und sein Passwort herausgeben. Wie sich herausstellte, wollte er im Gruppenchat ein Gebet organisieren, die Gruppe hieß "ISI men". Der Mitreisende hatte wohl ISIS gelesen. ISI aber steht für iron sharpens iron, abgeleitet vom Bibelvers aus dem Buch der Sprüche 27,17. Opebiyi ist Christ. Der Pilot weigerte sich dennoch, ihn wieder einsteigen zu lassen.

Anfang April musste ein anderer easyJet-Passagier in Rom ein Flugzeug verlassen, weil sich Mitreisende in seiner Gesellschaft "unwohl" fühlten. Er soll sich seltsam benommen haben, Details sind unbekannt. Meghary Yemane-Tesfagiorgis heißt der Mann. Die italienische Polizei ließ ihn erst 15 Stunden später mit einem anderen Flugzeug in seine Heimatstadt London fliegen.

Ebenfalls im April wurde der Student Khairuldeen Makhzoomi von der Universität von Kalifornien in Berkeley aus einem Flugzeug von Southwest Airlines geholt und vom FBI verhört, weil er im Telefongespräch mit seinem Onkel "inschallah" gesagt hatte, Arabisch für "so Gott will". Ein anderer Passagier hatte daraufhin das Personal informiert. Ein Southwest-Angestellter soll Makhzoomi gefragt haben, warum er Arabisch spreche, das sei gefährlich angesichts der Situation an Flughäfen und der Stimmung im Land. Wie auch Opebiyi und Menzio hat Makhzoomi eine dunkle Hautfarbe.

Matheaufgaben lösen als Dunkelhäutiger? Keine gute Idee

An Gleichungen tüfteln und dabei auch noch dunkelhäutig sein? Mindestens eins davon sollte man lassen, scherzen einige auf Twitter, die über den Vorfall empört sind. Auch die Buchstaben I und S bei WhatsApp einzugeben, sei nicht ratsam – zumindest nicht unmittelbar nacheinander.

Angesichts von schätzungsweise 100.000 Flügen, die weltweit jeden Tag stattfinden, könnte man diese Vorfälle allesamt als Einzelfälle abtun. Ein American-Airlines-Sprecher sagte der Washington Post nur, dass so etwas "von Zeit zu Zeit" vorkomme, ohne ins Detail gehen zu wollen.

Das Vorgehen der Fluggesellschaften aber ist fragwürdig: Ein einziger nervöser, vorurteilsbeladener oder auch rassistischer Passagier kann mit einer aus der Luft gegriffenen Behauptung dafür sorgen, dass jemand anderes von bewaffneten Polizisten aus einem Flugzeug gebracht und befragt wird. Die Unternehmen geben den Betroffenen mitunter keine Chance, sich zu erklären und Missverständnisse auszuräumen, und rechtfertigen das mit angeblichen "Sicherheitsgründen".