Von Vorfreude auf die Fußball-Europameisterschaft ist Frankreich noch weit entfernt. Der seit Monaten andauernde Streit um die Arbeitsmarktreform hat weiter beträchtliche Auswirkungen auf das tägliche Leben Zehntausender Franzosen. Zusätzlich soll jetzt auch noch die Fluggesellschaft Air France zum EM-Auftakt am 10. Juni bestreikt werden. Mehrere Pilotengewerkschaften kündigten an, der Streik werde mindestens drei Tage dauern.

Die Piloten wehren sich gegen das Management, das bei Air France Sparpläne durchsetzen will. Dieser Streit läuft parallel zu den Demonstrationen, die sich gegen die von der Regierung geplante Arbeitsmarktreform richten. Seit drei Monaten laufen die Proteste, die bereits im ganzen Land zu Versorgungsengpässen an Tankstellen geführt haben.

Am heutigen Donnerstag war die Bretagne betroffen: Teile der Region im Westen Frankreichs wurden von der Stromversorgung abgeschnitten. Gewerkschafter bestreikten zudem 16 der 19 französischen Atomkraftwerke und legten den öffentlichen Verkehr des Landes teilweise lahm.

Angeführt werden die Proteste, Streiks und Blockaden von der Gewerkschaft CGT. Deren Mitglieder hatten für einen eintägigen Streik in den Atomkraftwerken votiert. Eigentlich müssen die Reaktoren aus Sicherheitsgründen zumindest auf geringem Niveau weiter produzieren, doch Arbeiter in Saint-Malo-de-Guersac in der Bretagne nahmen das dortige Kraftwerk vom Stromnetz, wie der Versorger RTE mitteilte. Mindestens 120.000 Haushalte hatten über mehrere Stunden keinen Strom. Frankreich bezieht seine Elektrizität zu knapp 80 Prozent aus Kernkraft.

Auch der Bahnverkehr – einschließlich der Hochgeschwindigkeitszüge TGV – war am Donnerstag den zweiten Tag in Folge gestört. In Paris schlossen sich einige Beschäftigte des Nahverkehrs den Protesten an, was aber kaum zu Behinderungen führte. Am Pariser Bahnhof Gare de Lyon besetzten Demonstranten kurzzeitig die Gleise, wie der Fernsehsender LCI berichtete. Außerdem ist noch ein Gewerkschaftsmarsch in Paris angesetzt.

Das Ziel sind mehr Jobs und mehr Wettbewerb

Die Arbeiter haben zum Teil branchenspezifische Forderungen, in erster Linie wehren sie sich jedoch gegen die Reformpläne der Regierung, die unter anderem eine Lockerung des Kündigungsschutzes und flexiblere Arbeitszeiten vorsehen.

Mit der Arbeitsmarktreform will die Regierung die Wirtschaft wettbewerbsfähiger und flexibler machen. Kritiker erklären, durch die Reform würden Unternehmen begünstigt, neue Jobs würden dadurch aber nicht geschaffen.

Präsident François Hollande hatte wiederholt bekräftigt, dass er an den Plänen festhalten werde. Die Regierung hatte die Arbeitsmarktreform ohne Abstimmung in erster Lesung durch das Parlament gebracht. Grundlage ist eine in der Verfassung verankerte Sonderprozedur.