Da steht er, wie ein Wanderer nach langem Berganstieg. In der Hand eine Fahnenstange, erschöpft, erleichtert, irgendwie: stolz. Frank S., 44 Jahre alt, Latzhose, Kapuzenpulli, Rucksack, rührt sich nicht. Minutenlang. Sein Auftrag, so scheint es, ist  erledigt. Es ist das Bild eines zufriedenen Mannes.

Vom Plakat lächelt ihn eine Frau an. Blauer Blazer, silberne Ohrringe, professionell frisiert. Henriette Reker, Erste Oberbürgermeisterin für Köln, steht darauf. Das ist ihr Ziel. Nur noch ein Tag bis zur Wahl, die Umfragen sehen gut aus. Es ist das Bild einer zufriedenen Frau.

Die leibhaftige Henriette Reker liegt auf dem Boden und kämpft um ihr Leben. Blut rinnt aus Hals und Nase, jemand hat eine Jacke über sie gebreitet. Frank S. hat ihr soeben die 30 Zentimeter lange Klinge seines Messers, Typ Rambo III, bis zur Wirbelsäule in den Hals gerammt. Ihre Luftröhre wurde durchtrennt. "Ich hoffe, dass sie daran stirbt", sagt er dem Polizisten, der ihn in Gewahrsam nimmt. Mit seiner Tat wollte er ein Signal senden in die Republik: So könnt ihr nicht mit uns umgehen! "Dieser Staat", sagt er, "hat jeden Respekt vor dem Volk verloren."

"Arbeitsloser sticht auf Politikerin ein". Dieser Satz wäre in jedem Jahrzehnt der Bundesrepublik eine Skandal-Schlagzeile gewesen, aber jetzt ist er mehr als das. Er ist ein Symptom unserer Zeit. Als Henriette Reker, die die Tat überlebt hat, am 21. November 2015, etwa vier Wochen später, ihr Amt als Oberbürgermeisterin tatsächlich antritt und der Schriftstellerin Herta Müller den Heinrich-Böll-Preis überreicht, sagt die in ihrer Dankesrede: "Wenn Worte wie 'Volksverräter' und 'Lügenpresse' lange genug spazieren gehen, geht auch mal ein Messer spazieren."

"Ich kriege die Kurve im Kopf nicht hin bei Ihnen", sagt die Richterin

Die Prozesse um die Attentate auf Oskar Lafontaine und Wolfgang Schäuble wurden 1990 und 2003 vor Schwurgerichten verhandelt, wie das üblich ist bei Kapitalverbrechen. Frank S. dagegen muss sich am Oberlandesgericht Düsseldorf vor dem Senat für Staatsschutz verantworten. Angeklagt von der Bundesanwaltschaft, wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung. Nach der Attacke gegen Henriette Reker hatte er noch vier weitere Menschen durch Messerstiche verletzt.

Die Bundesanwaltschaft hatte die Ermittlungen übernommen, "wegen des spezifischen staatsgefährdenden Charakters der Tat und der besonderen Bedeutung des Falles". Die Bundesanwälte gelangten zum Schluss, Frank S. sei von "fremdenfeindlichen Motiven" geleitet und habe Henriette Reker ausschließlich deshalb töten wollen, "weil sie als Beigeordnete für Soziales, Integration und Umwelt der Stadt Köln mitverantwortlich war für eine – aus seiner Sicht – verfehlte Politik in Ausländer- und Flüchtlingsangelegenheiten". 

Der Staat hatte das Signal des Frank S. verstanden und sandte nun seinerseits eines aus: So etwas lassen wir uns in diesem Land nicht gefallen. Ab jetzt gehen wir mit großem Besteck an die Sache.

Die Außenstelle des Oberlandesgerichts Düsseldorf mutet an wie ein Gefängnis. Stacheldraht, schwere Eisentore, Sicherheitsschleusen. Hier finden Strafprozesse gegen Terroristen statt, IS-Heimkehrer, Extremisten. Und jetzt also gegen Frank S., einen arbeitslosen Anstreicher mit pegidahafter Angst vor Überfremdung und Geltungsverlust. Ein lone wolf. Seit neun Wochen sitzt er nun auf der Anklagebank in diesem sporthallengroßen Saal 1 und wippt auf seinem Stuhl wie ein Vierjähriger beim Essen. Wer ist dieser Mann? Ein Rechtsextremer? Ein Irrer? Beides? Oder nichts davon?

Fest steht: Frank S. war früher in der rechten Szene aktiv, hat an Rudolf-Heß-Gedenkmärschen teilgenommen, sich dauernd mit Antifa-Anhängern geprügelt und drei Jahre wegen diverser Körperverletzungsdelikte im Gefängnis gesessen. Auf seinen Bauch hat er sich in großen Lettern den Schriftzug "Berserker Bonn" eintätowieren lassen, den Namen seiner Crew, die in den neunziger Jahren als eine Art Bürgerwehr durch die ehemalige Hauptstadt zog.

Fest steht auch, dass er nach der Entlassung aus der JVA im Jahr 2000 unauffällig in Köln lebte, bis vor zwei Jahren regelmäßig beschäftigt war und sich nichts mehr zuschulden kommen ließ. Ein Rechter, daran gibt es keinen Zweifel, ist er bis heute, aber einer ohne Anbindung an die Szene, ohne Kontakt zu militanten Kameradschaften, kein Mitglied einer Partei.

Der Prozess geht dem Ende zu, kommende Woche wird die Kammer das Urteil fällen über diesen glatzköpfigen Mann mit Kinnbart, der die Tat nicht bestreitet, sie sogar rechtfertigt, aber auch immer wieder betont: "Ich wollte sie nicht töten." In einer Art Eröffnungsrede vor Beginn der Beweisaufnahme hatte einer der Verteidiger die Annahme, sein Mandant S. habe Frau Reker umbringen wollen, als "nahezu fernliegend" beschrieben. "Wäre es dem Angeklagten darum gegangen, so hätte er dies ohne jeden Zweifel in die Tat umsetzen können, indem er weitergehandelt hätte." Er sei aber von dem Versuch des Mordes zurückgetreten und könne folglich nur wegen gefährlicher Körperverletzung bestraft werden.

Doch das dürfte mittlerweile vom Tisch sein. Fast alle Zeugenaussagen sowie das Gutachten der Rechtsmedizinerin, die von "großem Glück" für die Überlebende Reker sprach, stehen gegen diese These. Aller Wahrscheinlichkeit nach blüht S. eine lebenslange Freiheitsstrafe. Diese hat der Bundesanwalt Lars Otte gestern in seinem Plädoyer dann auch erwartungsgemäß gefordert: Es sei Frank S. bewusst gewesen, wenn er mit einem Messer, das einem "Kurzschwert" gleiche, "wuchtig zusticht, dann kann das zum Tod führen."

Weniger eindeutig hingegen ist, was ihn zu dieser Tat verleitet haben mag. Denn S. hat sich einen Reim auf die Welt gemacht, den wohl nur er selbst versteht. Die Vorsitzende Richterin Barbara Havliza bemerkte einmal fast verzweifelt: "Ich kriege die Kurve im Kopf nicht hin bei Ihnen."