Schätzungsweise 300.000 Kinder sind im vergangenen Jahr nach Deutschland geflüchtet. Genau weiß es niemand. Doch noch weniger ist bekannt, wie es ihnen hierzulande ergeht. Es geht ihnen schlecht, warnen jetzt Kinderschützer, und besonders schlecht, wenn sie in einer Massenunterkunft wohnen müssen. Denn schon bevor die Flüchtlingszahl im Sommer 2015 so stark anstieg, seien geflüchtete Kinder benachteiligt worden. Dieses Defizit habe sich seither noch verstärkt.

So steht es in einem Lagebericht des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen Unicef, der an diesem Dienstag vorgestellt wird und der ZEIT ONLINE vorliegt. "Flüchtlingskinder sind generell schlechter gestellt als ihre deutschen Altersgenossen – obwohl sie die gleichen, verbrieften Rechte haben", heißt es darin.

Die Zahl der ankommenden Flüchtlinge ist inzwischen rückläufig. Trotzdem verlängere sich die Aufenthaltsdauer von vielen Kindern und ihren Familien in Not- und Massenunterkünften stark. Gesetzlich erlaubt sind höchstens drei Monate, dann sollten Familien in kleinere Folgeunterkünfte oder Wohnungen umziehen. Die meisten Kinder lebten aber ein halbes Jahr oder noch länger in Massenunterkünften. "Vielfach ist dort der Kinderschutz nicht gewährleistet", beklagt Unicef, "es fehlt an Hygiene, an ausreichenden Spiel- und Lernmöglichkeiten sowie an psychosozialen Hilfen."

Niemand zählt die Kinder

Doch die Unterkünfte sind nicht nur schlecht ausgestattet. Bund und Länder können nicht einmal genau beziffern, wie viele Kinder unter 18 Jahren überhaupt dort wohnen. Denn das Registrierungssystem für Flüchtlinge Easy erfasst das Alter der einreisenden Kinder und Jugendlichen nicht. Auch in den Unterkünften werden sie nicht systematisch gezählt. Vielerorts ist deshalb völlig unklar, wie viele Kinder eigentlich in Schulen und Kindergärten aufgenommen oder welche Kinder therapeutisch betreut werden müssten.

Schließlich gibt es keine bundeseinheitlichen Standards, wie Unterkünfte gestaltet sein müssen, damit Kinder dort sicher leben können. Das beklagen auch andere international tätige Kinderhilfsorganisationen wie Plan International und Save the Children. Internationale Standards würden hierzulande nicht eingehalten. Beispielsweise würden nur selten angemessene Schutzräume eingerichtet, in denen die Kinder sich tagsüber aufhalten und in Ruhe spielen könnten. 

Der Umgang mit den geflüchteten Kindern unterscheide sich vielmehr von Bundesland zu Bundesland, zwischen benachbarten Kommunen, oft sogar zwischen den Einrichtungen einer Stadt, schreibt Unicef. "Ob und in welcher Form Kinder durch geeignete Maßnahmen geschützt und unterstützt werden, hängt oft vom Engagement Einzelner ab und unterliegt somit dem Zufall." Das Kinderhilfswerk fordert deshalb entsprechende gesetzliche Regelungen.

Solche Forderungen hatte auch schon Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig erhoben, war aber bislang in der Bundesregierung und auch bei den Ministerpräsidenten der Länder damit nicht durchgedrungen. Nun will Schwesig in Kooperation mit Unicef zumindest in Pilotprojekten zeigen, wie Kinderschutz in Flüchtlingsunterkünften funktionieren könnte.