Verwandte und Bekannte beschreiben Omar Mateen, den Attentäter von Orlando, höchst unterschiedlich. Eines haben ihre Einschätzungen aber gemeinsam: Niemand von ihnen hatte ihm einen solchen Terrorakt zugetraut. Niemand habe sich vorstellen können, dass der Mann kaltblütig 49 Menschen in einem Nachtclub erschießt.

Was trieb den 29-Jährigen zu seiner Tat? Diese Frage gibt Ermittlern und Angehörigen der Opfer weiter Rätsel auf. Neue Erkenntnisse und Zeugenaussagen aus seinem Umfeld widersprechen sich erheblich.

Mateen selbst wurde von der Polizei getötet, als diese am frühen Sonntagmorgen gegen 5 Uhr den Nachtclub in Orlando stürmte. Das FBI geht derzeit davon aus, dass der Attentäter allein handelte. Seine Frau Noor S. könnte allerdings in die Pläne eingeweiht gewesen sein und fuhr ihn womöglich sogar zum Tatort, wie mehrere US-Medien berichten.

Handelte Mateen im Auftrag des IS?

Für den Anschlag erhielt der in New York geborene Sohn afghanischer Einwanderer allem Anschein nach keine Instruktionen oder Hilfe von Gruppen wie dem "Islamischen Staat". Zwar bekannte Mateen sich während des Massakers in dem Club telefonisch zum IS, als er über den Notruf mit der Polizei verbunden war. Aber er scheint ideologisch wenig gefestigt zu sein, denn er pries zugleich dessen Intimfeind, den Al-Kaida-Ableger Dschabhat al-Nusra und deren gemeinsamen Feind, die schiitische Hisbollah. Auch der IS reagierte in einer ersten Mitteilung eher verhalten. Laut US-Ermittler gibt es keinen Hinweis darauf, dass Mateen wirklich direkt mit dem IS in Kontakt stand.

Galt er als terrorverdächtig?

Nichtsdestotrotz hat das FBI in den vergangenen Jahren zwei Mal gegen Mateen ermittelt, der seit seinem zweiten Lebensjahr in Florida lebte: Die US-Bundespolizei befragte ihn in den Jahren 2013 und 2014 mehrfach – zu angeblich radikalen Reden bei seiner Arbeit als Sicherheitsmann und zu seinen Kontakten zu einem späteren Selbstmordattentäter in Syrien. Auch sei er überwacht und abgehört worden. "Es gab nichts, was eine Fortsetzung der Untersuchung gerechtfertigt hätte", sagt Ronald Hopper vom FBI.

Die Ermittler gehen davon aus, dass Mateen sich selbst radikalisierte – womöglich auch angetrieben durch IS-Propaganda, auf die er im Internet stieß. Er sei ein "wütender, verstörter, instabiler junger Mann gewesen", ein Beispiel für "homegrown extremism", sagte US-Präsident Barack Obama nach einem Treffen des Nationalen Sicherheitsrats. Warum der Mann in dem Club wie ein Wahnsinniger um sich schoss, erklärt das nicht.

Bekam die Familie etwas von der Radikalisierung mit?

Mateens Vater und der Imam, dessen Moschee er regelmäßig aufsuchte, beschreiben ihn in Interviews mit US-Medien als religiös, aber nicht radikal. Drei- bis viermal die Woche sei Mateen zum abendlichen Gebet in das Islamische Zentrum von Orlando gekommen, zuletzt am Freitag, sagte der Imam Sied Shafeeq Rahman. Vor Kurzem habe er seinen jungen Sohn dabei gehabt.  

Der Imam habe seine Familie schon gekannt, als er noch ein kleiner, verspielter Junge gewesen sei. Als Erwachsener sei Mateen eine ernsthaftere Person geworden, habe sowohl Englisch als auch Farsi gesprochen. Als besonders sozial bezeichnet er den Schützen nicht, aber eben auch nicht als gewalttätig. Ein ruhiger und "sehr friedlicher Mann" sei Mateen gewesen. 

War der Täter psychisch krank?

Mateens Ex-Frau zeichnet ein ganz anders Bild. Während ihres kurzen Zusammenlebens habe sie ihren Mann als manisch-depressiv kennengelernt. Mehr als eine Beschreibung dessen, was sie mit ihm erlebte, ist das aber nicht. Bisher ist keine ärztliche Diagnose aufgetaucht, wonach der Attentäter psychisch krank gewesen sei. Die Frau berichtete, Mateen habe sie von ihren Verwandten getrennt und regelmäßig geschlagen. Bestätigt haben Ermittler diese Aussagen bislang nicht. Kennengelernt habe sie Mateen als einen Mann, der amerikanisch genug gewesen sei, ihr ein liberales Leben zu ermöglichen, und islamisch genug, die Traditionen ihrer Familie zu achten. Das Paar soll nur wenige Monate zusammen gewesen sein. Nach zwei Jahren kam es zur Scheidung.

Kurz nach dem Massenmord, in dem vor allem bei der LGBT-Gemeinde (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) beliebten Club Pulse sagte sein Vater, Mateen habe Schwule gehasst. Sein Sohn sei "sehr wütend" gewesen, als er am Strand von Miami zwei Männer dabei beobachtet hatte, wie sie sich küssten. Der Vater, ein politischer Aktivist, äußerte sich in Sozialen Netzwerken selbst abfällig über Homosexuelle. 

War Mateen schwul?

Die Ex-Frau schloss homosexuelle Tendenzen des Schützen nicht aus, sein Vater hingegen geht davon aus, dass sein Sohn nicht schwul war. Einige Besucher des Pulse sagten Journalisten jedoch, sie hätten Mateen dort mehrfach angetroffen. Er soll betrunken gewesen sein und andere Gäste angesprochen haben. Mitarbeiter des Clubs konnten sich jedoch nicht an ihn erinnern. Für eine Dating-App, die vor allem Schwule nutzen, war Mateen den Berichten zufolge ebenfalls registriert. Das FBI versucht derzeit herauszufinden, welche Angaben der Wahrheit entsprechen. Auch Onlineforen für Homosexuelle besuchte Mateen. Die Ermittler rätseln noch, ob er sich in den Chatrooms aus privaten Gründen registrierte oder aber, um andere auszuspionieren.

Kurz vor den tödlichen Schüssen soll Mateen dem Besitzer einer weiteren LGBT-Diskothek eine Freundschaftsanfrage auf Facebook geschickt haben. Dieser sagte einem Fernsehsender, er habe sich die Freundesliste des Mannes angeschaut und keine Verbindungen zu irgendeinem LGBT-Club finden können, weswegen er die Anfrage abgelehnt habe. Auch das wird vom FBI überprüft.

Wollte der Attentäter Polizist werden?

Nach Angaben seiner Ex-Frau hatte der Attentäter sich bei der Polizeiakademie beworben. Er habe mit seinen Freunden von der Polizei dafür trainiert. Zuletzt arbeitete er bei einer Sicherheitsfirma. Ein Kollege sagte Journalisten, Mateen habe sich oft hasserfüllt über Homosexuelle, Frauen und Juden geäußert. 

Aufgrund seiner Arbeit hatte er auch einen Waffenschein. Das Sturmgewehr, mit dem er anschließend 49 Menschen tötete und 53 schwer verletzte, kaufte er völlig legal.