John P. Sundholm ist sauer. Er habe gewusst, dass jemand eines Tages einen Gay-Club in die Luft jagt, schrieb der Autor und Filmemacher auf der Website Medium nach dem Massaker in Orlando. Doch nicht, dass das nach der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe durch den Supreme Court so schnell gehen würde: "Ich bin sauer, weil Ihr uns noch nicht mal ein verdammtes Jahr gegeben habt."

Über Jahre hatten Schwule und Lesben auf die Anerkennung ihrer Partnerschaften hingearbeitet und ihre Ressourcen in Dutzende juristische Auseinandersetzungen gesteckt. Als der Oberste Gerichtshof vor rund einem Jahr die gleichgeschlechtliche der heterosexuellen Ehe landesweit gleichstellte, sah sich die Bewegung am Ziel eines jahrzehntelangen Kampfes um ihre Rechte. Fernsehstars wie Laverne Cox gaben der Transgender-Bewegung ein Gesicht, Schwule und Lesben dienten in der Armee Seite an Seite mit ihren heterosexuellen Kameraden, jetzt endlich konnten sie auch heiraten.

Doch seitdem hat die LGBT-Bewegung (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) zahlreiche Rückschläge erlitten, nicht erst in der Nacht auf Sonntag, als der Pulse-Club in Orlando zum Ort des größten Anschlags seit dem 11. September wurde. Allein in diesem Jahr wurden in 31 Bundesstaaten mehr als 200 Gesetze eingereicht, die die Rechte von Schwulen, Lesben und Transsexuellen einschränken und ihre Diskriminierung einfacher machen. "2016 ist zum Wettrennen unter konservativen Staaten darüber geworden, wer unter dem Deckmantel der religiösen Freiheit die hasserfülltesten Anti-LGBT-Gesetze erlassen kann", fasste es das Magazin Salon zusammen. Die Flitterwochen seien vorbei, sagt Zeke Stokes von der Organisation GLAAD (Gay and Lesbian Alliance Against Defamation).

Das härteste Anti-LGBT-Gesetz hat North Carolina

Es ist kein Zufall, dass die Welle jetzt kommt: Die religiöse Rechte im Land hatte sich bereits vor Jahren auf die Offensive vorbereitet, als klar wurde, dass das Land auf eine Gleichstellung der Ehe zusteuerte. Immer wieder wurden seitdem entsprechende Gesetze auf lokaler Ebene zur Testfahrt eingebracht. Auf Veranstaltungen wie dem Values Voter Summit stellten führende Köpfe der Anti-LGBT-Bewegung Strategien vor, mit denen die Rechte von Schwulen, Lesben und Transsexuellen auf Ebene der Bundesstaaten nach und nach unterwandert werden sollten. "Es ist der Versuch, den Sieg der Bewegung zu schmälern und andere Wege zu finden, sie zu diskriminieren", sagt Ryan Thoreson von Human Rights Watch.

Die Versuche finden sich überall im Land. Mississippi erließ erst Ende März ein Gesetz, das Arbeitgebern und kirchlichen Einrichtungen das Recht gibt, sexuelle Minderheiten zu diskriminieren. Der Vorstoß ist so vage formuliert, dass selbst außerehelicher Sex als Grund für die Diskriminierung ausreicht. Schulen und Arbeitgeber können ihre Angestellten mit Verweis auf das Gesetz theoretisch zwingen, strenge Kleidervorschriften einzuhalten oder Make-up zu tragen, wenn das ihrer Vorstellung von Mann und Frau entspricht.

In Tennessee können seit April nicht nur Angestellte öffentlicher Einrichtungen oder Dienstleister Kunden aufgrund ihrer religiösen Überzeugung abweisen – sondern auch Therapeuten die Behandlung von Patienten ablehnen. Oklahoma hat allein seit Februar 26 Gesetze vorgeschlagen, die die Rechte einschränken sollen, darunter Entwürfe, die Therapien zur "Umpolung" von Homosexuellen stärken oder Studentengruppen schützen, die Mitglieder wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Identität ausschließen.

Erst im Frühjahr peitschte North Carolina innerhalb von 24 Stunden eines der nach Meinung von Bürgerrechtlern extremsten Anti-LGBT-Gesetze des Landes durch die Instanzen – so schnell, dass Kritikern kaum Zeit blieb, davon Notiz zu nehmen, bevor es Gouverneur Pat McCrory zur Unterschrift auf dem Schreibtisch hatte. Nicht nur ist es Transsexuellen seitdem verboten, die Toilette zu nutzen, die ihrer Identität entspricht. Ganz nebenbei macht das Gesetz sämtliche kommunalen Verordnungen zum Schutz von LGBT-Bürgern ungültig. Mieter können abgelehnt, Arbeitnehmer entlassen und Dienstleistungen verweigert werden, ohne dass Konsequenzen drohen.